Zeitzonen sind ein Phänomen, das man nur begreift, wenn man unmittelbar davon betroffen ist. Solange ich in Deutschland gelebt habe, wusste ich nicht einmal in welche Richtung ich Stunden dazu- oder abrechnen musste. Mittlerweile stecke ich mitten drin in der Problematik.
Ich wohne am östlichen Rand der Moskauer Zeitzone. Am westlichen Rand liegt St. Petersburg, was ungefähr 2000 km von uns entfernt ist (in ungefähr die Entfernung Hamburg-Madrid). Am Anfang meiner Zeit hier in Russland, im Winter, war ich Deutschland immer drei Stunden voraus, was sehr praktisch war zum Telefonieren, da ich häufig bis zehn gearbeitet habe und dann immer noch bedenkenlos zu Hause anrufen konnte. Dann kam in Deutschland die Umstellung auf die Sommerzeit - und die haben wir nicht mitgemacht. Russen haben mir erzählt, dass es bis vor ein paar Jahren noch Zeitumstellungen gab, die aber abgeschafft wurden. Laut Wikipedia geschah dies, um die Wirtschaftlichkeit des Landes zu steigern. Wieso Sommer- und Winterzeit ein Land unwirtschaftlicher machen ist mir immer noch unklar.
Seit der Zeitumstellung in Deutschland sind wir euch also nur noch zwei Stunden voraus. Das ist wiederum mittlerweile auch ganz schön, da so Fußball nur spät und nicht extrem spät anfängt. Die Spiele beginnen bei uns um 22.45 - ich bin im Moment also nie vor ein Uhr im Bett...
Das Bemerkenswerteste an unserer Zeitzone (und auch der Grund, warum ich den Beitrag Zeitzonen-Wahnsinn getauft habe) ist jedoch etwas anderes. Wir leben wie gesagt am östlichsten Rand der Zeitzone. Das hat zur Folge, dass es hier extrem früh dunkel wird. Um 10, maximal um 11 ist es stockduster. Dafür wird es allerdings auch extrem früh wieder hell. Um drei Uhr geht im Moment die Sonne auf, um vier Uhr ist helllichter Tag. Wenn ich also nach dem Fußball nicht sofort ins Bett gehe, ist es höchstwahrscheinlich hell, wenn ich nach Hause fahre (so wie heute, wo ich nach dem Deutschland-Spiel erst um halb fünf nach Hause gekommen bin). Am letzten Samstag haben wir nach dem Russland-Spiel noch recht lange gefeiert. OK, es gab eigentlich keinen Grund zum Feiern, weil Russland ausgeschieden war, aber es war immerhin Samstag. Als wir um fünf Uhr aus dem Club gekommen sind war strahlender Sonnenschein. Ich habe zum Spaß gesagt, dass wir theoretisch direkt zum Strand weitergehen könnten - meine Mitstreiter haben das allerdings nicht als Spaß aufgegriffen und so sind wir tatsächlich (nach kurzem Umweg zum Badesachen holen) direkt an den Wolga-Strand gefahren. Es war genial! Sonnenschein wie am Tag und ein leergefegter Strand - außer ein paar Frühschwimmern, die uns besoffene Gestalten verwundert bis fasziniert angestarrt haben, war niemand dort. Blöd war nur, dass ich gegen 12 Uhr in der prallen Mittagssonne eingeschlafen bin und deshalb die ganze Woche über mit dem übelsten Sonnenbrand kämpfen musste. Aber das ist zu verkraften für eine Anekdote aus meiner Russland-Zeit, die ich wahrscheinlich noch meinen Enkeln erzählen werde.
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Samstag, 23. Juni 2012
Mittwoch, 20. Juni 2012
рок над волгой
Von "Rock nad Wolgoi" wurde uns praktisch seit unserer Ankunft hier in Russland erzählt. Ein Rockfestival, das jedes Jahr in der Nähe von Togliatti stattfindet (eigentlich eher in der Nähe von Samara, aber dass verschweigt der stolze Togliattier). Nur einen Tag lang, aber dafür mit freiem Eintritt und riesig groß. Und als Headliner dieses Jahr dabei: Limp Bizkit! Ich weiß, die haben ihre besten Zeiten lange hinter sich, aber abgesehen davon war das Konzert-Highlight in diesem Jahr bisher der Auftritt der Scorpions in Samara - und die haben ihre besten Zeiten noch viel länger hinter sich.Wir wussten also wie gesagt schon lange, dass Rock nad Wolga stattfindet, und hatten uns eigentlich auch vorgenommen hinzugehen. Trotzdem haben wir es noch verpeilt und ausgerechnet auf diesen Tag unsere Uni-lecture verlegt. Glücklicherweise hat uns noch rechtzeitig jemand darauf hingewiesen und dank der russischen Flexibilität konnten wir den Termin noch einmal verschieben.
Spontan haben wir auch noch Leute gefunden, mit denen wir hinfahren konnten: Inna und Denis, zwei Teilnehmer aus unserem Lingvoclub, mit denen wir schon öfters was unternommen haben. Um acht Uhr morgens sind wir losgefahren und nach mehreren Stunden zielloser Fahrt mit mehrmahligem Verfahren um 11 Uhr pünktlich zum Beginn angekommen. Meinen Hinweis, dass wir uns irgendeinen Anhaltspunkt suchen sollten, um unser Auto, einen beige-grauen Lada Kalina (wie fast jedes zweite andere Auto), wiederzufinden, wurde übergangen. Man kann wahrscheinlich schon ahnen worauf das nach dem Konzert hinausgelaufen ist...
Nach ca. einer Stunde Schlangestehen extrem (siehe meine Ausführungen zum Russischen Warteverhalten im vorherigen Artikel) hatten wir es endlich auf das Gelände geschafft. Von meinen Leuten aus Togliatti waren ziemlich viele da, ich habe allerdings nicht alle getroffen, die ich treffen wollte, da das Handy-Netz chronisch überlastet war. Meine Fahrer habe ich gleich am Anfang verloren, dafür habe ich durch Zufall Mael und Zanda (der Franzose und die Lettin) getroffen, mit denen Kevin und ich fast den ganzen Tag verbracht haben. Die beiden waren mit einer Gruppe Schauspieler im Bus gekommen - ein witziger Haufen.
Von den Bands, die aufgetreten sind, kennt man in Deutschland außer Limp Bizkit wahrscheinlich nur noch Garbage und Zaz (die hatte einen großen Radio-Hit im letzten Jahr "Je veux"). Ansonsten waren es russische Bands. Besonders gut haben mir Leningrad gefallen, eine Ska-Band mit Texten, die zu großen Teilen aus Schimpfwörtern bestehen (die verstehe ich mittlerweile).
Laut Zeitungsartikeln waren 306.000 Menschen auf dem Festival. Ich kann große Menschenmengen immer schlecht einschätzen, aber das kann schon hinkommen. Vor allem, weil viele Menschen speziell für ein oder zwei Bands gekommen sind und nicht den ganzen Tag über da waren.
Um 11 Uhr abends hat alles mit Limp Bizkit und Feuerwerk aufgehört. Fred Durst ist grau geworden! Und er hat doch tatsächlich versucht mit dem Publikum auf englisch zu komunizieren. Hat natürlich kaum jemand verstanden.
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| Irgenwo mittendrin: ich (Bild stammt nicht von mir, sondern aus dem Internet) |
Montag, 19. März 2012
Im Osten nichts Neues
Ich habe schon länger nichts mehr geschrieben und das hat Gründe.
Erster Grund ist: Ich bin mal wieder einige Wochen ohne Laptop gewesen. Kaum zu glauben, aber ich überlebe, auch wenn es echt eine Umstellung ist und ich festegestellt habe, dass ein Großteil meiner Alternativen zur Freizeitgestalltung darauf basiert, dass ich einen Laptop nutzen kann (telefonieren, filme sehen, musik hören, chaten, emails schreiben oder einfach nur ohne Ziel rumsurfen). Lesen ist zwar von Zeit zu Zeit auch mal ganz schön, aber zwölf Stunden am Tag sind dann doch etwas zu viel, vor allem, wenn man wie ich gerade "Früchte des Zorns" von John Steinbeck liest, was auf Dauer so deprimierend ist, und zur Abwechslung nur der Blick auf die fleckige Tapete meines Zimmers oder wahlweise in den grauen Winterhimmel bleibt. Um es zusammenzufassen: Mir war häufig langweilig in den letzten Wochen.
Und damit komme ich auch schon zum zweiten Grund, warum ich in letzter Zeit nicht viel geschrieben habe: Es ist nichts passiert! Zumindest nichts Interessantes.
So langsam pegelt sich mein Leben hier auf ein Normalmass ein. Die extremen Temperaturen sind Vergangenheit und mit ihnen ist irgendwie auch das Aufregende am Leben in einem fremden Land gegangen. Wobei das wahrscheinlich weniger am Wetter liegt als mehr an der Tatsache, dass mittlerweile fast die Hälfte meiner Zeit hier vorüber ist und ich mich "eingelebt" habe, wie man so schön sagt. Selbst meine Arbeitswoche, die anfangs chaotisch, vollgepackt und nie vorrausplanbar war, weist mittlerweile eine gewisse Regelmässigkeit auf. Montag: Vorbereitung für die Stunden der Woche und Russisch-Kurs; Dienstag: Englisch mit den Angestellten von Chance, Break-dance (nein, ich tanze nicht, ich gehe nur zum Training) und Lingvoclub; Mittwoch: den ganzen Tag in der Schule und abends Lingvoclub; Donnerstag: Vormittags in der Schule und nachmittags Russisch-Kurs; Freitag: Vormittags an der Uni (ich weiß nicht, ob ichs schon mal geschrieben habe, aber ich bin zur Uni-Dozentin aufgestiegen), nachmittags in einem der Stadtteilhäuser von Chance und abends Lingvoclub; Samstag: sollte eigentlich frei sein, aber häufig sind irgendwelche "Events" von Chance, bei denen wir anwesend seien müssen bloß um uns zu zeigen. Wenn nichts ist, treffen Kevin und ich uns mit ein paar Mädels aus unserem Lingvoclub und sprechen Russisch. Das kling vielleicht bescheuert, aber im Alltag habe ich mittlerweile einen Kreis von Leuten um mich aufgebaut, der einigermassen Englisch spricht. Deshalb ist es eine gute Übung einfach mal so für ein paar stunden ohne Zwang und ohne Rücksicht auf Fehler russisch zu sprechen. Sonntag ist unser heiliger Tag. Egal, was für Termine anstehen, es wird abgesagt. Und das wird in der Regel auch von allen akzeptiert. Sonntags gehe ich jetzt immer mit Juri und Kevin schwimmen. In der wunderschönen Schwimmhalle "Olymp", von der ich ganz am Anfang im November schon mal geschrieben habe. Und anschließend gehen wir Eisbaden in der Wolga. Ich bin mittlerweile eine richtige Eisbade-Expertin und tauche komplett unter. Mein nächstes Ziel ist es ein paar Züge im Eiswasser zu schwimmen! Nachdem wir heute in der Wolga waren, habe ich zu Juri gesagt, dass ich das Eisbaden in Deutschland vermissen werde, weil dort keine Flüße zufrieren. Er meinte, dass ich einfach so im Winter in einen Fluß gehen könnte, selbst, wenn der nicht zugefroren ist. Im Prinzip hat er recht: Das Wasser ist auch nicht viel kälter, wenn der Fluss zugefroren ist. Aber dann habe ich mir vorgestellt, wie ich im nächsten Winter in die Oste springe, direkt neben der Brücke an der Hauptstraße, und beim Gedanken daran musste ich doch etwas schmunzeln. Immerhin hätte Sandbostel dann wieder für einen Tag ein neues Tratschthema.
Wenn ich mir jetzt meinen Wochenplan so anschaue, sieht es nach gar nicht so viel aus, aber besonders die Lingvoclubs und die Uni-Vorlesung benötigen viel Vorbereitung. Im Lingvoclub probieren wir immer wieder neue Methoden und Ideen aus um die Leute zu motivieren und einzubinden. Manches klappt gut, manches nicht so. Das ist zwar anstrengend, weil man alles selbst entwickeln muss, aber ich lerne selbst ungeheuer viel dabei. Und extrem viel Zeit geht für Reisen drauf. In der Karte, die ich vor einigen Wochen im Beitrag über Togliatti gepostet habe, sieht man wie weitläufig die Stadt ist. Und da wir überall in der Stadt arbeiten, verbringen wir Stunden in den klapprigen gelben Marshrutkas. Ich habe mir in solchen Situationen schon häufig ein Auto gewünscht, irgendeinen alten Lada oder so. Aber wenn ich dann sehe, wie zwischendurch mal einfach so eine dritte Spur aufgemacht wird, zwischen zwei Spuren überholt wird, oder die Autos über die eisig, schneebedeckten Straßen schlittern, wird mir auch immer wieder klar, dass ich in dieser Stadt wahrscheinlich nie Auto fahren könnte.
Eine kleine Anekdote aus den letzten Wochen fällt mir dann doch noch ein. Am 8. März war der Frauentag, offizieller Feiertag und wirklich groß gefeiert. In der Schule wurden die Lehrerinnen mit Schokolade und Blumen überhäuft und auf dem Schulkonzert haben die fünf männlichen Kollegen (drei von ihnen Sportlehrer) ein grauenerregendes Ständchen gegeben. Das anekdotenwürdige an der Sache ist aber, mit welcher Akribik die Arbeitsfreie Zeit geplant wurde. Mir ist bei der Sache klar geworden, dass Deutschland nicht das einzige Land mit durchgeknallten Bürokraten ist. Aber urteilt selbst:
Der 8. März, der Feiertag an sich, war in diesem Jahr ein Donnerstag. In Deutschland würden in solch einem Fall viele Menschen auch den Freitag frei nehmen um in den Genuss eines verlängerten Wochenendes zu kommen. Die Idee, dass mehrere ununterbrochene freie Tage hintereinander etwas tolles sind, hatte man auch hier in Russland. Deshalb wurde auch der Freitag offiziell zum freien Tag erklärt. Klingt toll, oder? Ein Staat, der Brückentage verschenkt. Jetzt kommt allerdings der Haken: Um den freien Freitag auszugleichen, wurde der Sonntag zum offiziellen Werktag gemacht. Selbst die Schüler mussten am Sonntag in die Schule! Noch absurder war allerdings der Mittwoch vorm Frauentag in der Schule. Es gab wie gesagt, Geschenke ohne Ende und ein Frauentagskonzert (das Übliche: kleine Jungs in Anzügen und Mädchen mit gigantischen Haarschleifen singen zu Keyboardmusik aus dem off). Zusätzlich wollte man den Lehrerinnen einen verkürzten Arbeitstag schenken. Das naheliegenste wäre wohl gewesen, einfach einige Unterrichtsstunden am Nachmittag ausfallen zu lassen, aber das wäre wohl zu einfach gewesen. Anstatt einzelne Stunden komplett ausfallen zu lassen, wurden alle Unterrichtsstunden von 40 Minuten auf 30 Minuten gekürzt. Sogar die Schulglocke wurde umgestellt und hat aufgrund der kurzen Zeit laufend geklingelt. Das hat das Unterrichten praktisch unmöglich gemacht. Vierzig Minuten sind schon kurz, aber bei dreißig Minuten muss man aufhören, wenn man gerade angefangen hat.
Erster Grund ist: Ich bin mal wieder einige Wochen ohne Laptop gewesen. Kaum zu glauben, aber ich überlebe, auch wenn es echt eine Umstellung ist und ich festegestellt habe, dass ein Großteil meiner Alternativen zur Freizeitgestalltung darauf basiert, dass ich einen Laptop nutzen kann (telefonieren, filme sehen, musik hören, chaten, emails schreiben oder einfach nur ohne Ziel rumsurfen). Lesen ist zwar von Zeit zu Zeit auch mal ganz schön, aber zwölf Stunden am Tag sind dann doch etwas zu viel, vor allem, wenn man wie ich gerade "Früchte des Zorns" von John Steinbeck liest, was auf Dauer so deprimierend ist, und zur Abwechslung nur der Blick auf die fleckige Tapete meines Zimmers oder wahlweise in den grauen Winterhimmel bleibt. Um es zusammenzufassen: Mir war häufig langweilig in den letzten Wochen.
Und damit komme ich auch schon zum zweiten Grund, warum ich in letzter Zeit nicht viel geschrieben habe: Es ist nichts passiert! Zumindest nichts Interessantes.
Wenn ich mir jetzt meinen Wochenplan so anschaue, sieht es nach gar nicht so viel aus, aber besonders die Lingvoclubs und die Uni-Vorlesung benötigen viel Vorbereitung. Im Lingvoclub probieren wir immer wieder neue Methoden und Ideen aus um die Leute zu motivieren und einzubinden. Manches klappt gut, manches nicht so. Das ist zwar anstrengend, weil man alles selbst entwickeln muss, aber ich lerne selbst ungeheuer viel dabei. Und extrem viel Zeit geht für Reisen drauf. In der Karte, die ich vor einigen Wochen im Beitrag über Togliatti gepostet habe, sieht man wie weitläufig die Stadt ist. Und da wir überall in der Stadt arbeiten, verbringen wir Stunden in den klapprigen gelben Marshrutkas. Ich habe mir in solchen Situationen schon häufig ein Auto gewünscht, irgendeinen alten Lada oder so. Aber wenn ich dann sehe, wie zwischendurch mal einfach so eine dritte Spur aufgemacht wird, zwischen zwei Spuren überholt wird, oder die Autos über die eisig, schneebedeckten Straßen schlittern, wird mir auch immer wieder klar, dass ich in dieser Stadt wahrscheinlich nie Auto fahren könnte.
| Nach dem Eisbaden in der Wolga. Hinterher ist es wirklich nicht kalt. (Mehr Fotos habe ich bei facebook reingestellt) |
Der 8. März, der Feiertag an sich, war in diesem Jahr ein Donnerstag. In Deutschland würden in solch einem Fall viele Menschen auch den Freitag frei nehmen um in den Genuss eines verlängerten Wochenendes zu kommen. Die Idee, dass mehrere ununterbrochene freie Tage hintereinander etwas tolles sind, hatte man auch hier in Russland. Deshalb wurde auch der Freitag offiziell zum freien Tag erklärt. Klingt toll, oder? Ein Staat, der Brückentage verschenkt. Jetzt kommt allerdings der Haken: Um den freien Freitag auszugleichen, wurde der Sonntag zum offiziellen Werktag gemacht. Selbst die Schüler mussten am Sonntag in die Schule! Noch absurder war allerdings der Mittwoch vorm Frauentag in der Schule. Es gab wie gesagt, Geschenke ohne Ende und ein Frauentagskonzert (das Übliche: kleine Jungs in Anzügen und Mädchen mit gigantischen Haarschleifen singen zu Keyboardmusik aus dem off). Zusätzlich wollte man den Lehrerinnen einen verkürzten Arbeitstag schenken. Das naheliegenste wäre wohl gewesen, einfach einige Unterrichtsstunden am Nachmittag ausfallen zu lassen, aber das wäre wohl zu einfach gewesen. Anstatt einzelne Stunden komplett ausfallen zu lassen, wurden alle Unterrichtsstunden von 40 Minuten auf 30 Minuten gekürzt. Sogar die Schulglocke wurde umgestellt und hat aufgrund der kurzen Zeit laufend geklingelt. Das hat das Unterrichten praktisch unmöglich gemacht. Vierzig Minuten sind schon kurz, aber bei dreißig Minuten muss man aufhören, wenn man gerade angefangen hat.
Donnerstag, 1. März 2012
Feiertage
Die jetzigen Wochen sind gepflastert mit Feiertagen. In der letzten Woche hatten alle Schüler Schulfrei, weil das zweite Trimester in der Schule beendet ist.
Gleichzeit wurde auch die ganze Woche über Maslenitza gefeiert. Das ist die letzte Woche vor der Fastenzeit und sie wird traditionell mit fettigem Essen, besonders Blini (блины), russische Pfannkuchen gefeiert. Maslenitza kommt nämlich von Masla (Butter). Wir als Ausländer wurden natürlich zu sämtlichen Feiern eingeladen. Ich habe insgesamt vier Mal Maslenitza gefeiert und an fünf Tagen Blini gegessen. Hier in Russland sind Blini-Schnellrestaurants sehr beliebt. Die erinnern von der Aufmachung ein bisschen an Mc-Donalds, mit Bestelltheke, Menü an der Wand und Tabletts, es gibt aber ausschließlich russisches Essen, vor allem Blini. Teil einer Maslenitza-Feier ist es auch, dass man am Ende eine Puppe verbrennt. Die symbolisiert den Winter, der vertrieben wird. Am Sonntag habe ich bei -8°C und dem schönsten Schneesturm einer Puppenverbrennung beigewohnt, was leicht paradoxe Züge hatte. Aber es wird tatsächlich langsam wärmer. Es schneit wieder mehr, was zeigt, dass es wärmer als -10° ist, gestern waren es sogar 0° und ich kann endlich wieder ohne lange Unterhose und in meiner eigenen Winterjacke aus dem Haus gehen.
In die Reihe der Feiertage, die mich nicht sonderlich begeistern, die ich aber schätze, weil sie einen freien Arbeitstag bedeuten, gehört der 23. Februar: Der Tag der Verteidiger des Vaterlands - oder etwas einfallsloser: Männertag. Im Prinzip ist dieser Tag auf einer Ebene angesiedelt mit Valentinstag oder Muttertag. Man macht nämlich allen Männern Geschenke (und teilweise recht teure!). Hinzu kommt eine etwas verquere Romantik über Krieg und Soldatentum. Der Höhepunkt war, dass wir diesen Feiertag in unserem Lingvoclub feiern mussten. Der Lingvoclub ist dazu da in lockerem Umfeld Englisch zu lernen. Dazu gehört auch, dass wir das eine oder andere Fest feiern. Aus der Planung für den Vaterlandsverteidiger-Tag habe ich mich aus besagter Antipathie gegenüber des Tages schnell verabschiedet. Ich musste dann mit ansehen, wie Elina, unsere Russische Kollegin, in einem Kakhi-farbenen Kleid im Army-Style eine Power-Point-Präsentation mit Tarnfleck-Hintergrund über den "idealen Mann" gehalten hat.
Nächsten Donnerstag wird übrigens der Welt-Frauentag gefeiert. Es gibt wieder einen freien Tag und auch wieder Geschenke. Aber immerhin hat dieser Tag die Gleichstellung von Mann und Frau als Hintergedanken.
| Maslenitza im LingvoClub |
| Pfannkuchen für alle! |
Nächsten Donnerstag wird übrigens der Welt-Frauentag gefeiert. Es gibt wieder einen freien Tag und auch wieder Geschenke. Aber immerhin hat dieser Tag die Gleichstellung von Mann und Frau als Hintergedanken.
| Sie brennt! - Der Winter ist vorbei... |
| ...oder auch nicht. In den letzten Tagen schneit es wieder häufiger |
| Das ewige Eis herausgeschlagen aus den Gehwegen: Wie bei Jahresringen in einem Baumstamm sieht man, wann es geschneit und getaut hat. |
Donnerstag, 26. Januar 2012
Eisbaden
Ich habe es tatsächlich getan! Allerdings gibt es keinerlei Fotos oder Videos, also wird jeder selbst die Glaubhaftigkeit meiner Geschichte einschätzen müssen.
Am 19. Januar um 0.30 Uhr haben wir uns auf den Weg an die Wolga gemacht. Außentemperatur: ca. -10° C. Wir, das waren Kevin, Yuri, Zhenya und ich. Martin hatte noch "zu viel zu tun" (nette Ausrede). Tatsächlich waren wir nicht die einzigen, die so ein verrücktes Vorhaben gestartet haben. Togliatti liegt nicht direkt an der Wolga, wie Städte im klassischen Sinne an Flüssen liegen (Hamburg, Berlin, Moskau etc.). Es liegt vielmehr neben der Wolga und zwischen beiden befinden sich mehrere Quadratkilometer Wald (die grüne Zone). Durch diese grüne Zone führt eine Straße, die normalerweise nur als Transitstrecke zwischen den Stadtteilen benutzt wird. In dieser Nacht haben am Rand der Straße überall Autos geparkt, von Menschen, die Eisbaden wollten.
Auch wir haben unser Auto an der Hauptstraße stehen lassen und haben uns an den Abstieg an die Wolga gemacht. Unten am Flussufer angekommen haben wir erst mal schadenfroh all diejenigen betrachtet, die mit ihrem Auto direkt bis ans Ufer fahren mussten und jetzt auf den kleinen Seitenwegen natürlich in endlosen Staus standen. Kurz darauf mussten wir allerdings selber warten. Die Polizei hat nämlich immer nur eine gewisse Anzahl an Personen aufs Eis gelassen - der Rest musste warten. Nach einer halben Stunde Wartezeit in eisiger Kälte durften wir endlich aufs Eis.
Das Eisloch selbst war ungefähr 1,5 x 2 m groß. Letztendlich war es dann natürlich doch nicht kreuzförmig, sondern es stand nur ein Kreuz davor. In das Loch herein hat eine Treppe geführt und außen herum standen Tannenbäume als Windschutz. Das ganze schön beleuchtet und nebenan noch ein Zelt - zusammen mit den ganzen Leuten ist fast ein bisschen Volksfeststimmung aufgekommen (zumal viele der Leute sich schon etwas Wärme angetrunken haben).
Als ich mich erst einmal ausgezogen hatte, ging es ganz schnell. Normalerweise sollte man in das Eisloch steigen und drei mal komplett untertauchen. Einige haben das auch sehr exzessiv praktiziert (eintauchen, unzählige Male bekreuzigen, wieder eintauchen, bekreuzigen usw.). Auf das Kopfeintauchen habe ich verzichtet, weil ich Angst hatte, dass mein Haar dann in kürzester Zeit einfriert und ich stundenlang mit gefrorenen Haaren rumlaufe. Ich bin nur kurz rein und wieder raus. Dem Eisloch entstiegen stellt sich das unglaublichste Gefühl ein. Es ist, als ob der Körper auf einmal auf Hochtouren läuft. Mir war so war, dass ich locker noch eine Weile auf dem Eis hätte rumlaufen können. Das habe ich dann auch erst mal ganz unbedarft gemacht, weil sowohl meine Zehen als auch die Gummiriemen von meinen Flip-Flops steifgefroren waren, weshalb ich nicht in selbige reinschlüpfen konnte. Ich habe also erst einmal eine Runde barfuss auf dem Eis gedreht. Zhenya hat mir nur schnell sein Handtuch hingeworfen "Stell dich darauf!" Als ich halb angezogen war, habe ich festgestellt, dass ich noch meine nasse Badekleidung anhatte, weshalb ich mich nochmals umziehen musste. Aber mir war so warm, dass mir das alles gar nichts ausgemacht hat.
Das Schlimmste an dem Abend war letztenendes der Aufstieg zurück zur Straße. Diejenigen, die vor einigen Jahren mit mir den Aufstieg auf die Turda-Schlucht gemacht haben, wissen um meine Bergsteigerkünste. Jetzt war es zwar nicht Sommerhitze, ich bin mittlerweile etwas besser trainiert und der "Aufstieg" war auch nicht ganz so lang, aber dafür ging es durch tiefen frischen Schnee, ich hatte drei Schichten Kleidung an und war mit drei Leuten unterwegs, die den Berg am liebsten hochgerannt wären - der reinste Horror für mich Flachlandkind.
Am 19. Januar um 0.30 Uhr haben wir uns auf den Weg an die Wolga gemacht. Außentemperatur: ca. -10° C. Wir, das waren Kevin, Yuri, Zhenya und ich. Martin hatte noch "zu viel zu tun" (nette Ausrede). Tatsächlich waren wir nicht die einzigen, die so ein verrücktes Vorhaben gestartet haben. Togliatti liegt nicht direkt an der Wolga, wie Städte im klassischen Sinne an Flüssen liegen (Hamburg, Berlin, Moskau etc.). Es liegt vielmehr neben der Wolga und zwischen beiden befinden sich mehrere Quadratkilometer Wald (die grüne Zone). Durch diese grüne Zone führt eine Straße, die normalerweise nur als Transitstrecke zwischen den Stadtteilen benutzt wird. In dieser Nacht haben am Rand der Straße überall Autos geparkt, von Menschen, die Eisbaden wollten.
Auch wir haben unser Auto an der Hauptstraße stehen lassen und haben uns an den Abstieg an die Wolga gemacht. Unten am Flussufer angekommen haben wir erst mal schadenfroh all diejenigen betrachtet, die mit ihrem Auto direkt bis ans Ufer fahren mussten und jetzt auf den kleinen Seitenwegen natürlich in endlosen Staus standen. Kurz darauf mussten wir allerdings selber warten. Die Polizei hat nämlich immer nur eine gewisse Anzahl an Personen aufs Eis gelassen - der Rest musste warten. Nach einer halben Stunde Wartezeit in eisiger Kälte durften wir endlich aufs Eis.
| Blick auf die Wolga bei Tage |
Das Eisloch selbst war ungefähr 1,5 x 2 m groß. Letztendlich war es dann natürlich doch nicht kreuzförmig, sondern es stand nur ein Kreuz davor. In das Loch herein hat eine Treppe geführt und außen herum standen Tannenbäume als Windschutz. Das ganze schön beleuchtet und nebenan noch ein Zelt - zusammen mit den ganzen Leuten ist fast ein bisschen Volksfeststimmung aufgekommen (zumal viele der Leute sich schon etwas Wärme angetrunken haben).
| Wie im tiefsten Sibirien :) |
Das Schlimmste an dem Abend war letztenendes der Aufstieg zurück zur Straße. Diejenigen, die vor einigen Jahren mit mir den Aufstieg auf die Turda-Schlucht gemacht haben, wissen um meine Bergsteigerkünste. Jetzt war es zwar nicht Sommerhitze, ich bin mittlerweile etwas besser trainiert und der "Aufstieg" war auch nicht ganz so lang, aber dafür ging es durch tiefen frischen Schnee, ich hatte drei Schichten Kleidung an und war mit drei Leuten unterwegs, die den Berg am liebsten hochgerannt wären - der reinste Horror für mich Flachlandkind.
Mittwoch, 18. Januar 2012
Winter
Mein Laptop ist zur Zeit kaputt und schon seit einer gefühlten Ewigkeit in der Reparatur. Diesen Eintrag schreibe ich von Martins Laptop. Für mich als Internetabhängige ist es eine ganz neue Situation einmal für so lange Zeit komplett ohne Computer auszukommen. Aber ich habe dadurch viel Zeit, mich auf andere, lange vernachlässigte Dinge zu konzentrieren. Ich lese viel, schreibe Briefe (in ca. 3 Wochen dürfen einige Personen mit Post rechnen) und genieße vor allem den ersten richtigen Winter meines Lebens.
Die ersten Januarwochen waren hier in Togliatti wettertechnisch der Wahnsinn. Zuerst hat es für zwei Tage leicht getaut, was dazu geführt hat, dass der schon gefallene Schnee in sich zusammengesackt ist. Danach war es für zwei Tage sehr kalt (bis zu -16°) und der zusammengesackte Schnee ist hart und rutschig geworden. Deshalb hat sich jeder nur noch schlitternd vorwärtbewegt, was die ganze Schneefläche natürlich noch zusätzlich zusammengepresst und glattgeschliffen hat. Eine Woche lang war ganz Togliatti eine einzige riesige Eisfläche! Und damit meine ich nicht gefrierende Nässe à la Deutschland (darüber lacht man hier und rast trotzdem noch mit 80 km/h durch die Innenstadt), sondern wirklich Zentimeterdickes Eis, wie auf einer Eislaufbahn. Ich habe bin in dieser Woche garantiert jeden Tag einmal ausgerutscht.
Passend zum eisigen Togliatti haben Martin und ich auch eine neue Abendbeschäftigung entdeckt: Schlittschuhlaufen. Hier in Russland muss in der Nähe von jeder Schule eine Eislaufbahn sein, weil im Winter im Sportunterricht Eis- und Skilauf im Sportunterricht auf dem Plan stehen. Da wir in der Nähe einer Schule wohnen, haben wir das Privileg, direkt vor unserer Haustür eine Eislaufbahn zu haben, die noch dazu die ganze Nacht über beleuchtet ist. Martin und ich haben uns schon Ende Dezember Schlittschuhe gekauft, sind aber bisher nicht dazu gekommen, sie auszuprobieren. Am Freitag hat es dann endlich mal geklappt und seitdem waren wir fast jeden Tag eislaufen. Neben den ganzen Kindern, die wie gesagt in der Schule Eislauf lernen, sehen wir aus wie Amateure. Deshalb sind wir dazu übergegangen immer später Abends zu gehen. Gestern sind wir bis um 1 Uhr Nachts eisgelaufen. Noch schlimmer wirken wir allerdings im Kontrast zu Yury und Zhenya. Yuri macht auf dem Eis irgendwelche Break-Dance-Kunststücke und an Zhenya ist ein echter Eiskunstläufer verlorengegangen.
Um den Winter perfekt zu machen schneit es nun seit mittlerweile zwei Tagen ununterbrochen. Die Schneeberge an den Straßenrändern sind mittlerweile weit größer als ich und ich habe schon von mehreren Seiten gehört, dass, falls es so weiterschneit, der Verkehr komplett zum erliegen kommt. Unvorstellbar in dieser Autostadt. Der Schnee erschwert natürlich auch mein neues Hobby: Gestern waren auf der Eislauffläche nur einzelne Gänge, wie in einem Labyrinth freigelegt. Und selbst die mussten wir regelmässig räumen, da sie sonst wieder zu geschneit wären.
Morgen werde ich an einer echten russischen Winter-Tradition teilnehmen. Der Eistaufe. Wenn ich es mit meinem eingeschränkten Russisch richtig verstanden habe, gibt es im orthodoxen Glauben am 19. Januar einen Feiertag, an dem alles Wasser als heilig gilt. Deshalb springen an diesem Tag ins Wasser. Problem: über dem Wasser ist eine Zentimeterdicke Eisfläche. Das heißt ich werde durch ein Loch im Eis in die Wolga springen - und das um Mitternacht - und ich bin nicht die Einzige, sondern es werden noch Unmengen an anderen Menschen dort sein. Eventuell gehen wir davor oder danch noch in die Banja, aber das steht noch nicht fest. Zuletzt stand auch noch zur Debatte, dass wir in ein Kloster fahren, dass direkt an der Wolga liegt, weil das Eisloch dort angeblich kreuzförmig ist...
Wie man das ganze überstehen soll, weiß ich noch nicht. Aber angeblich ist es im Wasser nicht kalt sondern nur außerhalb.
Schlittschuhlaufen Russian-Style: Rennen im Schneelabyrinth (Der langsame am Anfang ist Martin, die beiden schnellen Yury und Zhenya)
| Neuschnee die 1. |
| Neuschnee die 2. |
Um den Winter perfekt zu machen schneit es nun seit mittlerweile zwei Tagen ununterbrochen. Die Schneeberge an den Straßenrändern sind mittlerweile weit größer als ich und ich habe schon von mehreren Seiten gehört, dass, falls es so weiterschneit, der Verkehr komplett zum erliegen kommt. Unvorstellbar in dieser Autostadt. Der Schnee erschwert natürlich auch mein neues Hobby: Gestern waren auf der Eislauffläche nur einzelne Gänge, wie in einem Labyrinth freigelegt. Und selbst die mussten wir regelmässig räumen, da sie sonst wieder zu geschneit wären.
Morgen werde ich an einer echten russischen Winter-Tradition teilnehmen. Der Eistaufe. Wenn ich es mit meinem eingeschränkten Russisch richtig verstanden habe, gibt es im orthodoxen Glauben am 19. Januar einen Feiertag, an dem alles Wasser als heilig gilt. Deshalb springen an diesem Tag ins Wasser. Problem: über dem Wasser ist eine Zentimeterdicke Eisfläche. Das heißt ich werde durch ein Loch im Eis in die Wolga springen - und das um Mitternacht - und ich bin nicht die Einzige, sondern es werden noch Unmengen an anderen Menschen dort sein. Eventuell gehen wir davor oder danch noch in die Banja, aber das steht noch nicht fest. Zuletzt stand auch noch zur Debatte, dass wir in ein Kloster fahren, dass direkt an der Wolga liegt, weil das Eisloch dort angeblich kreuzförmig ist...
Wie man das ganze überstehen soll, weiß ich noch nicht. Aber angeblich ist es im Wasser nicht kalt sondern nur außerhalb.
Dienstag, 3. Januar 2012
С Новым годом - Frohes Neues Jahr
Über meine Neujahrsfeier kann ich nur eins mit Sicherheit sagen: Dass sie auf jeden Fall die Längste war, die ich je hatte. Um 12.00 Uhr (Mittags) am 1. Januar bin ich endlich in mein Bett gefallen. Bis dahin bin ich an vielen verschiedenen Orten gewesen.
Angefangen hat alles wie immer in Russland: Etwas chaotisch. Unser Plan war Party-Hopping - eine Idee von Yuri. Anfangen sollte alles mit Essen in unserem Appartment mit Essen, um Mitternacht wollten wir dann zum zentralen Platz in unserem Stadtteil gehen und das Feuerwerk anschauen und dann um ca. 3 Uhr zu einem Freund von Zhenya fahren und dort in die Banja gehen. Banja erst um 3, weil Yuri seinen Lebensunterhalt mit Break-Dancing bestreitet (klingt fantastisch, ist aber wirklich so; und er verdient glaube ich nicht schlecht) und in der Silvesternacht mehrere Auftritte in Clubs hatte. Die Idee mit dem Party-Hopping hat mir ziemlich gut gefallen, weil man dadurch nicht immer an einem Ort festhängt. Allerdings hätte ich mir denken können, dass das in Russland und besonders mit meinen Leuten hier nie so funktionieren würde, wie geplant. Es hat dann auch nicht funktioniert, wie geplant, war aber trotzdem toll.
Der erste Teil mit dem Essen ist ausgefallen. Stattdessen hat Yuri uns um 10 Uhr abgeholt und wir sind mit zu seinen Auftritten gefahren. War auch ganz interessant, weil man so mitbekommen hat, wie unterschiedlich die Russen so feiern. Und ich bin immer wieder begeistert von Yuris Break-Dance-Künsten. Das ist eigentlich schon eher Artistik mit Saltos und Handständen auf einer Hand etc. Insgesammt hatte er drei Auftritte: Zwei zwischen 11 und halb 1, den letzten um halb 3. Dazwischen war dann tatsächlich noch Zeit, um auf den zentralen Platz feiern zu gehen. Dort war es fast wie auf einem Volksfest mit Karussels, Pony-Reiten und einem riesigen Tannenbaum in der Mitte. Was mich überrascht hat, war das selbst um 1 Uhr noch viele kleine Kinder mit dabei waren. Einer von Yuris Break-Dance-Kindern war auch da und als wenn drei Auftritte pro Nacht nicht genug wären, hat er sich mit dem Kleinen noch einen "Break-Battle" im Schnee geliefert.
Irgendwann um 4 Uhr sind wir dann doch noch endlich bei Zhenyas Freund angekommen, der in einem Dorf in der Nähe von Togliatti wohnt. Mein erstes Mal in der Banja war echt toll! Für, alle, die nicht wissen, was das ist: Banja ist eine Sauna mit besonderen Extras. Wir haben über drei Stunden in der Banja verbracht, inklusive zwischendurch rausrennen und sich im Schnee wälzen und mit nassen Eichenzweigen ausgepeitscht werden (das gehört dazu, ist aber ganz angenehm).
Als wir um acht Uhr morgens nach Hause fahren wollten, hat Sonja (mit ihr habe ich komischerweise Weihnachten und Neujahr verbracht, obwohl wir uns sonst gar nicht so oft treffen) vorgeschlagen, dass wir noch in ihr Appartment fahren könnten und dort einen letzten Party-Hopping-Stop machen. Martin hat gleich gesagt, dass er lieber nach Hause ins Bett möchte, aber Kevin war ziemlich begeistert, weshalb ich mich auch noch breitschlagen lassen habe. Wir sind in zwei Autos gefahren: Ich mit Zhenya und Sonja, die anderen beiden mit Yuri - und natürlich hat Kevin auf der Fahrt festgestellt, dass er doch ganz schön müde ist, und ist dann gleich mit Martin zu Hause ausgestiegen. Ich bin also die letzte Überlebende von uns drei Freiwilligen gewesen, aber wir haben die Feier bei Sonja ruhig mit Tee ausklingen lassen, alle etwas geschädigt von der langen Nacht. Am Ende war ich allerdings überhaupt nicht mehr müde, vielleicht sollte ich öfter ohne Alkohol feiern. Meine liebe Familie sollte übrigens auch mal darüber nachdenken - macht den Tag danach auch wesentlich angenehmer ;)
Angefangen hat alles wie immer in Russland: Etwas chaotisch. Unser Plan war Party-Hopping - eine Idee von Yuri. Anfangen sollte alles mit Essen in unserem Appartment mit Essen, um Mitternacht wollten wir dann zum zentralen Platz in unserem Stadtteil gehen und das Feuerwerk anschauen und dann um ca. 3 Uhr zu einem Freund von Zhenya fahren und dort in die Banja gehen. Banja erst um 3, weil Yuri seinen Lebensunterhalt mit Break-Dancing bestreitet (klingt fantastisch, ist aber wirklich so; und er verdient glaube ich nicht schlecht) und in der Silvesternacht mehrere Auftritte in Clubs hatte. Die Idee mit dem Party-Hopping hat mir ziemlich gut gefallen, weil man dadurch nicht immer an einem Ort festhängt. Allerdings hätte ich mir denken können, dass das in Russland und besonders mit meinen Leuten hier nie so funktionieren würde, wie geplant. Es hat dann auch nicht funktioniert, wie geplant, war aber trotzdem toll.
Der erste Teil mit dem Essen ist ausgefallen. Stattdessen hat Yuri uns um 10 Uhr abgeholt und wir sind mit zu seinen Auftritten gefahren. War auch ganz interessant, weil man so mitbekommen hat, wie unterschiedlich die Russen so feiern. Und ich bin immer wieder begeistert von Yuris Break-Dance-Künsten. Das ist eigentlich schon eher Artistik mit Saltos und Handständen auf einer Hand etc. Insgesammt hatte er drei Auftritte: Zwei zwischen 11 und halb 1, den letzten um halb 3. Dazwischen war dann tatsächlich noch Zeit, um auf den zentralen Platz feiern zu gehen. Dort war es fast wie auf einem Volksfest mit Karussels, Pony-Reiten und einem riesigen Tannenbaum in der Mitte. Was mich überrascht hat, war das selbst um 1 Uhr noch viele kleine Kinder mit dabei waren. Einer von Yuris Break-Dance-Kindern war auch da und als wenn drei Auftritte pro Nacht nicht genug wären, hat er sich mit dem Kleinen noch einen "Break-Battle" im Schnee geliefert.
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| Großer Neujahrsbaum am zentralen Platz |
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| Vor dem Baum (Die weiße Mütze ist übrigens Teil des Showoutfits) |
Irgendwann um 4 Uhr sind wir dann doch noch endlich bei Zhenyas Freund angekommen, der in einem Dorf in der Nähe von Togliatti wohnt. Mein erstes Mal in der Banja war echt toll! Für, alle, die nicht wissen, was das ist: Banja ist eine Sauna mit besonderen Extras. Wir haben über drei Stunden in der Banja verbracht, inklusive zwischendurch rausrennen und sich im Schnee wälzen und mit nassen Eichenzweigen ausgepeitscht werden (das gehört dazu, ist aber ganz angenehm).![]() |
| Break-Battle im Schnee |
Montag, 2. Januar 2012
Weihnachts- bzw. Neujahrszeit in Russland – oder: Was bedeuten all diese Drachen?
Für mich war dieses Jahr das erste Weihnachten, das ich nicht zu Hause bei meiner Familie verbracht habe, und es war so unspektakulär-deprimierend, dass ich als Fazit aus der ganzen Sache einfach nur die Hoffnung gezogen habe, dass nächstes Jahr Weihnachten wieder besser wird.
Zu Weihnachtstraditionen in Russland will ich gar nicht viel erzählen. Wer interessiert ist, findet sicherlich selbst genug im Internet. Nur zum allgemeinen Verständnis: Russland ist orthodox. Das heißt, dass Weihnachten am 7. Januar gefeiert wird. Wobei feiern übertrieben ist, weil der 7. Januar wirklich nur ein religiöser Tag ist. Gläubige Menschen verbringen den ganzen Tag in der Kirche und im Fernsehen läuft ein religiöser Erbauungsfilm nach dem anderen. Für alle Nicht-Gläubigen ist es einfach nur ein normaler Tag, an dem frei ist und nichts Gutes im Fernsehen läuft. Die Tatsache, dass Weihnachten lediglich religiös ist, hat dazu geführt, dass es nicht ansatzweise so populär ist wie unser Weihnachten. Der beste Beweis ist, dass ich in der nächsten Woche in einem Sprachencamp für Kinder und Jugendliche mitarbeite, dass sich auch über den Weihnachtsfeiertag erstreckt und an dem ca. 100 Kinder und Jugendliche teilnehmen. Weihnachten wird also nur ein minder wichtiger Feiertag.
Der einzige Feiertag, der ansatzweise mit unserem Weihnachten vergleichbar ist, ist Silvester. Hier gibt es Geschenke, einen Neujahrsbaum, Дед Мороз (Väterchen Frost) kommt mit seiner Enkeltochter Снегурочка (Schneeflöckchen) zu Besuch und es gibt viel zu viel zu Essen. Vorzugsweise Salate mit viel Mayonnaise. Allerdings ist selbst Silvester anders als Weihnachten. Ich weiß, es ist eine ausgelutschte Floskel, aber das tolle an Weihnachten ist die Besinnlichkeit. Die Neujahrsfeiern hier beginnen zwar besinnlich in der Familie mit Essen und Geschenken, enden dann jedoch irgendwann in einer Party. Man verkleidet sich sogar.
Das ist wahrscheinlich der Grund, warum es für Russen schwierig ist nachzuvollziehen, was Weihnachten für uns bedeutet. Die meisten Leute hier wissen alles über Weihnachtstraditionen und den Ablauf der Feierlichkeiten im Westen, aber es ist für sie nur Faktenwissen. So mussten wir hart dafür kämpfen uns die Weihnachtstage frei von Arbeit zu halten und ganz gelungen ist es uns nicht. Am 24. Dezember haben wir an unserer Schule einen Vortrag über Weihnachten in Deutschland gehalten und mussten im Anschluss in traurige Gesichter gucken, als wir um 17.30 Uhr dann doch endlich nach Hause wollten und nicht noch die vierte Tasse Tee trinken wollten. Unsere Freunde schienen auch alle besorgt um uns und haben uns ständig gefragt, wo wir denn am Heiligen Abend feiern. Dass wir einfach nur zu Hause sitzen und die Ruhe genießen wollten, konnte anscheinend niemand nachvollziehen.
Heiligabend verlief dann wie gesagt extrem unweihnachtlich. Martin war zu der Zeit nicht in Togliatti, deshalb waren Kevin und ich alleine zu Hause. Nachdem wir den halben Tag gearbeitet haben, gab es zu Hause Kartoffelsalat (von Kevin gemacht). Nicht ganz mein Weihnachtsessen, aber ich glaube es wäre auch schwierig geworden einen ganzen Puter zuzubereiten. Zumal ich den ja selbst gar nicht esse. Nebenbei musste ich noch dafür kämpfen, dass neben der ganzen über-säkularisierten-DDR-„Traditions“-Weihnachtsmusik auch ab und zu mal ein Lied gespielt wurde, das ich kenne. Neben Kevin komme ich mir immer vor wie eine konservative, religiöse, westdeutsche CDU-Wählerin. Er neigt etwas zur Ost-Verherrlichung. Nachdem mein Internet dann einen Strich durch alle meine Pläne für skype-Gespräche gemacht hat, habe ich festgestellt, dass Besinnlichkeit ohne Familie oder etwas Familienähnlichem einfach nicht funktioniert, und als dann um zehn Uhr Freunde von uns angerufen haben, und gefragt haben, ob wir Lust auf Party hätten, haben wir zugesagt. Heiligabend hat also in einem Club geendet.
Nachdem unser Weihnachten vorbei war, ging dann praktisch noch mal die Weihnachtszeit los. Und diesmal richtig, wie man es aus Deutschland kennt. Mit Tannenbäumen, Lichterketten, Menschen, die in Supermärkten einkaufen, als wenn der Weltuntergang bevorsteht, und Weihnachtsmusik. Es ist schon sonderbar am 28. Dezember noch Jingle Bells zu hören und Leute mit Weihnachtsbäumen nach Hause laufen zu sehen. Eine Sache, die mir in der Zeit aufgefallen ist, war, das neben den üblichen Weihnachtsfiguren (Djed Maros und Snegurotschka) häufig auch ein Drache abgebildet wurde. Zuerst habe ich mir darüber weiter keine Gedanken gemacht, aber als ich dann die ersten Drachen-Kärtchen, Drachen-Kerzen, Drachen-Figürchen etc. geschenkt bekommen habe, habe ich dann doch mal nachgefragt, was all diese Drachen bedeuten. Mir wurde dann erklärt, dass nächstes Jahr nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Drachen ist und dass dem chinesischen Kalender viel Bedeutung zugemessen wird. Ich habe dann noch versucht zu erfahren, warum denn schon zum russischen Neujahrsfest Drachen verschenkt werden, wobei das chinesische Neujahr doch erst Wochen später ist, aber dessen ist man sich in Russland entweder nicht bewusst oder man ignoriert es einfach. Das Jahr des Drachen beginnt am 1. Januar! (Ich bin hier übrigens nur von Co-Tigern umgeben und einer Ratte umgeben :))
Ein Bericht über meine Neujahrsfeier folgt demnächst!
Zu Weihnachtstraditionen in Russland will ich gar nicht viel erzählen. Wer interessiert ist, findet sicherlich selbst genug im Internet. Nur zum allgemeinen Verständnis: Russland ist orthodox. Das heißt, dass Weihnachten am 7. Januar gefeiert wird. Wobei feiern übertrieben ist, weil der 7. Januar wirklich nur ein religiöser Tag ist. Gläubige Menschen verbringen den ganzen Tag in der Kirche und im Fernsehen läuft ein religiöser Erbauungsfilm nach dem anderen. Für alle Nicht-Gläubigen ist es einfach nur ein normaler Tag, an dem frei ist und nichts Gutes im Fernsehen läuft. Die Tatsache, dass Weihnachten lediglich religiös ist, hat dazu geführt, dass es nicht ansatzweise so populär ist wie unser Weihnachten. Der beste Beweis ist, dass ich in der nächsten Woche in einem Sprachencamp für Kinder und Jugendliche mitarbeite, dass sich auch über den Weihnachtsfeiertag erstreckt und an dem ca. 100 Kinder und Jugendliche teilnehmen. Weihnachten wird also nur ein minder wichtiger Feiertag.
| Unser Plan: Den Chance Kindern die deutsche Tradition des Pfefferkuchenhauses nähberbringen... |
| ... und was unsere geliebten ungeduldigen Kinder daraus gemacht haben. Es wurden dann auch gleich aufgegessen. |
Das ist wahrscheinlich der Grund, warum es für Russen schwierig ist nachzuvollziehen, was Weihnachten für uns bedeutet. Die meisten Leute hier wissen alles über Weihnachtstraditionen und den Ablauf der Feierlichkeiten im Westen, aber es ist für sie nur Faktenwissen. So mussten wir hart dafür kämpfen uns die Weihnachtstage frei von Arbeit zu halten und ganz gelungen ist es uns nicht. Am 24. Dezember haben wir an unserer Schule einen Vortrag über Weihnachten in Deutschland gehalten und mussten im Anschluss in traurige Gesichter gucken, als wir um 17.30 Uhr dann doch endlich nach Hause wollten und nicht noch die vierte Tasse Tee trinken wollten. Unsere Freunde schienen auch alle besorgt um uns und haben uns ständig gefragt, wo wir denn am Heiligen Abend feiern. Dass wir einfach nur zu Hause sitzen und die Ruhe genießen wollten, konnte anscheinend niemand nachvollziehen.
Heiligabend verlief dann wie gesagt extrem unweihnachtlich. Martin war zu der Zeit nicht in Togliatti, deshalb waren Kevin und ich alleine zu Hause. Nachdem wir den halben Tag gearbeitet haben, gab es zu Hause Kartoffelsalat (von Kevin gemacht). Nicht ganz mein Weihnachtsessen, aber ich glaube es wäre auch schwierig geworden einen ganzen Puter zuzubereiten. Zumal ich den ja selbst gar nicht esse. Nebenbei musste ich noch dafür kämpfen, dass neben der ganzen über-säkularisierten-DDR-„Traditions“-Weihnachtsmusik auch ab und zu mal ein Lied gespielt wurde, das ich kenne. Neben Kevin komme ich mir immer vor wie eine konservative, religiöse, westdeutsche CDU-Wählerin. Er neigt etwas zur Ost-Verherrlichung. Nachdem mein Internet dann einen Strich durch alle meine Pläne für skype-Gespräche gemacht hat, habe ich festgestellt, dass Besinnlichkeit ohne Familie oder etwas Familienähnlichem einfach nicht funktioniert, und als dann um zehn Uhr Freunde von uns angerufen haben, und gefragt haben, ob wir Lust auf Party hätten, haben wir zugesagt. Heiligabend hat also in einem Club geendet.
| Neujahrsball an unserer Schule - ziemlich professionell, jeder Tanzschulenabschlussball sieht blass aus gegen so viel Talent (und das meine ich ernst!) |
Nachdem unser Weihnachten vorbei war, ging dann praktisch noch mal die Weihnachtszeit los. Und diesmal richtig, wie man es aus Deutschland kennt. Mit Tannenbäumen, Lichterketten, Menschen, die in Supermärkten einkaufen, als wenn der Weltuntergang bevorsteht, und Weihnachtsmusik. Es ist schon sonderbar am 28. Dezember noch Jingle Bells zu hören und Leute mit Weihnachtsbäumen nach Hause laufen zu sehen. Eine Sache, die mir in der Zeit aufgefallen ist, war, das neben den üblichen Weihnachtsfiguren (Djed Maros und Snegurotschka) häufig auch ein Drache abgebildet wurde. Zuerst habe ich mir darüber weiter keine Gedanken gemacht, aber als ich dann die ersten Drachen-Kärtchen, Drachen-Kerzen, Drachen-Figürchen etc. geschenkt bekommen habe, habe ich dann doch mal nachgefragt, was all diese Drachen bedeuten. Mir wurde dann erklärt, dass nächstes Jahr nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Drachen ist und dass dem chinesischen Kalender viel Bedeutung zugemessen wird. Ich habe dann noch versucht zu erfahren, warum denn schon zum russischen Neujahrsfest Drachen verschenkt werden, wobei das chinesische Neujahr doch erst Wochen später ist, aber dessen ist man sich in Russland entweder nicht bewusst oder man ignoriert es einfach. Das Jahr des Drachen beginnt am 1. Januar! (Ich bin hier übrigens nur von Co-Tigern umgeben und einer Ratte umgeben :))
| Drachen überall, sogar auf der Torte zum Neujahrsball. (Das Bild ist leider etwas verzerrt) |
Ein Bericht über meine Neujahrsfeier folgt demnächst!
Sonntag, 18. Dezember 2011
Goodbye Vanya
Am letzten Montag habe ich eine denkwürdig Nacht verbracht. Wahrscheinlich werde ich davon noch in zwanzig Jahren als witzige Anekdote aus meiner Zeit in Russland berichten. Wenn ich all das, was passiert ist, in der Intensität beschreiben würde, mit der ich es erlebt habe, könnte ich wahrscheinlich einen Roman damit füllen, deshalb werde ich hier nur sehr oberflächlich schreiben und den Rest vielleicht irgendwann mal in lustiger Runde erzählen.
Wir haben in den letzen Wochen häufiger was mit einigen russischen Freiwilligen von Chance unternommen. Ein ziemlich bunter Haufen von witzigen und offenen Menschen. Während die Freunde, die wir bis dahin so kennengelernt haben, dem Alkohol eher negativ gegenüberstanden, erfüllen diese Freiwilligen jedes Vorurteil, dass man in der Hinsicht über Russen haben kann. Partys in ihrem Kreis übertreffen, wie ich feststellen musste, sogar Sandbostler-Dorf-Großevents (Minstedter Woche, Pfingsten etc.). Zumindest, was den Alkoholkonsum angeht.
Martin und ich sind alleine auf die Party gegangen, weil Kevin zu der Zeit in Nizhni Novgorod war. Vanjas Familie wohnt in einem kleinen Haus am Rande der Stadt. Und ohne jetzt unverschämt sein zu wollen: Es ist der dreckigste Ort, an dem ich je war. Kevin hat es ganz elegant ausgedrückt: "Es ist beeindruckend wie grundsätzliche Sauberkeitsbedürfnisse bei den Menschen auseinanderklaffen können." Als wir um 1 Uhr Nachts angekommen sind, waren schon alle betrunken. Zwei Männer (einer davon glaube ich Vanjas Vater) lagen die ganze Zeit über bewusstlos/schlafend auf dem Sofa, Dima, ein 17-jähriger Freiwilliger, hat mich nur mit schielendem Blick angesehen, umarmt und ist dann ins Schlafzimmer gegangen. Vanja, unser Gastgeber, war total heiser und hat die ganze Zeit anzügliche Witze gemacht. Leider war sein Englisch gut genug, dass er die auch für mich übersetzen konnte. Dann waren da noch die beiden Nazis. Als ich angekommen bin, haben sie sich schnell ihre T-shirts angezogen (wie taktvoll gegenüber der Deutschen), aber ich habe noch mitbekommen, dass ihre ganzen Oberkörper mit Hakenkreuzen tätowiert waren. Ich, blond, blauäugig und vor allem deutsch, war von da an das Ziel ihrer geballten Charme-Offensive. Die Tatsache, dass der eine gelispelt hat und der andere vor lauter Alkohol geschielt hat, hat die Sache allerdings ganz witzig gemacht. Und ständig haben irgendwelche Leute angefangen sich sinnlos zu prügeln. Meistens ist Vanja, der ein echter Schrank ist, dazwischengegangen. Zwischen alledem war noch Vanjas Freundin, die ständig den Tränen nahe war, weil ihr Liebster sie jetzt für ein Jahr verlassen muss.
Es waren auch Leute da, die nicht ganz so besoffen waren. Nikita und seine Freundin Nastya habe ich an dem Abend erst kennengelernt. Er hat sich die ganze Zeit für alles entschuldigt: Dass alle so besoffen sind, dass man mir immer wieder mit Nachdruck eine große Schüssel mit Fleisch angeboten hat, dass alle um 3 Uhr angefangen haben lauthals die Nationalhymne zu singen etc. Valentin, einer von den Freiwilligen, und ich haben festgestellt, dass wir beide Kollegen sind - als Teamer in Jugendcamps. Und ein bisschen was getrunken habe ich auch - selbstgebrannten Wodka, Samogon. Aber ich habe mich zurückgehalten, weil wir unseren nächsten Tag natürlich nicht frei von Arbeit halten konnten.
Um 5 Uhr morgens ist Vanja in einen komatösen Zustand verfallen. Sie haben vier Leute gebraucht um ihn aus dem Bad aufs Sofa zu tragen.
Morgens um sechs sind so langsam alle wieder aufgewacht. Es gab noch ein Butterbrot (das Wort benutzen die hier wirklich) zum Frühstück. In der total chaotischen Küche habe ich zwischen dreckigen Geschirr und gammeligem Essen ein Gewehr entdeckt, einfach so an den Tisch gelehnt.
Um 7 Uhr gings dann los zum Busbahnhof. Dort angekommen habe ich dann festgestellt, dass wir nicht die einzigen waren, die jemanden verabschiedet haben. Es waren unheimlich viele betrunkene, feiernde Menschen da, die jemanden verabschiedet haben. Ich habe im Nachhinein erfahren, dass es eine russische Tradition ist, sich so in den Militärdienst zu verabschieden. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür. Wir haben dann mehr als eine Stunde in eisiger Kälte verbracht, mehr Alkohol getrunken, Fotos gemacht, gesungen und Vanja in die Luft geschmissen (!) bis er dann endlich auf das Militärgelände gelassen wurde.
Danach sind alle nach Hause gegangen bis auf Martin und ich. Wir sind direkt weitergefahren zur Arbeit, wo wir ein Radiointerview geben mussten. Ich habe mein Schlafdefizit bis heute noch nicht aufgeholt, aber das lässt sich verschmerzen bei so einer Nacht.
Wir haben in den letzen Wochen häufiger was mit einigen russischen Freiwilligen von Chance unternommen. Ein ziemlich bunter Haufen von witzigen und offenen Menschen. Während die Freunde, die wir bis dahin so kennengelernt haben, dem Alkohol eher negativ gegenüberstanden, erfüllen diese Freiwilligen jedes Vorurteil, dass man in der Hinsicht über Russen haben kann. Partys in ihrem Kreis übertreffen, wie ich feststellen musste, sogar Sandbostler-Dorf-Großevents (Minstedter Woche, Pfingsten etc.). Zumindest, was den Alkoholkonsum angeht.
Martin und ich sind alleine auf die Party gegangen, weil Kevin zu der Zeit in Nizhni Novgorod war. Vanjas Familie wohnt in einem kleinen Haus am Rande der Stadt. Und ohne jetzt unverschämt sein zu wollen: Es ist der dreckigste Ort, an dem ich je war. Kevin hat es ganz elegant ausgedrückt: "Es ist beeindruckend wie grundsätzliche Sauberkeitsbedürfnisse bei den Menschen auseinanderklaffen können." Als wir um 1 Uhr Nachts angekommen sind, waren schon alle betrunken. Zwei Männer (einer davon glaube ich Vanjas Vater) lagen die ganze Zeit über bewusstlos/schlafend auf dem Sofa, Dima, ein 17-jähriger Freiwilliger, hat mich nur mit schielendem Blick angesehen, umarmt und ist dann ins Schlafzimmer gegangen. Vanja, unser Gastgeber, war total heiser und hat die ganze Zeit anzügliche Witze gemacht. Leider war sein Englisch gut genug, dass er die auch für mich übersetzen konnte. Dann waren da noch die beiden Nazis. Als ich angekommen bin, haben sie sich schnell ihre T-shirts angezogen (wie taktvoll gegenüber der Deutschen), aber ich habe noch mitbekommen, dass ihre ganzen Oberkörper mit Hakenkreuzen tätowiert waren. Ich, blond, blauäugig und vor allem deutsch, war von da an das Ziel ihrer geballten Charme-Offensive. Die Tatsache, dass der eine gelispelt hat und der andere vor lauter Alkohol geschielt hat, hat die Sache allerdings ganz witzig gemacht. Und ständig haben irgendwelche Leute angefangen sich sinnlos zu prügeln. Meistens ist Vanja, der ein echter Schrank ist, dazwischengegangen. Zwischen alledem war noch Vanjas Freundin, die ständig den Tränen nahe war, weil ihr Liebster sie jetzt für ein Jahr verlassen muss.
Es waren auch Leute da, die nicht ganz so besoffen waren. Nikita und seine Freundin Nastya habe ich an dem Abend erst kennengelernt. Er hat sich die ganze Zeit für alles entschuldigt: Dass alle so besoffen sind, dass man mir immer wieder mit Nachdruck eine große Schüssel mit Fleisch angeboten hat, dass alle um 3 Uhr angefangen haben lauthals die Nationalhymne zu singen etc. Valentin, einer von den Freiwilligen, und ich haben festgestellt, dass wir beide Kollegen sind - als Teamer in Jugendcamps. Und ein bisschen was getrunken habe ich auch - selbstgebrannten Wodka, Samogon. Aber ich habe mich zurückgehalten, weil wir unseren nächsten Tag natürlich nicht frei von Arbeit halten konnten.
Um 5 Uhr morgens ist Vanja in einen komatösen Zustand verfallen. Sie haben vier Leute gebraucht um ihn aus dem Bad aufs Sofa zu tragen.
Morgens um sechs sind so langsam alle wieder aufgewacht. Es gab noch ein Butterbrot (das Wort benutzen die hier wirklich) zum Frühstück. In der total chaotischen Küche habe ich zwischen dreckigen Geschirr und gammeligem Essen ein Gewehr entdeckt, einfach so an den Tisch gelehnt.
Um 7 Uhr gings dann los zum Busbahnhof. Dort angekommen habe ich dann festgestellt, dass wir nicht die einzigen waren, die jemanden verabschiedet haben. Es waren unheimlich viele betrunkene, feiernde Menschen da, die jemanden verabschiedet haben. Ich habe im Nachhinein erfahren, dass es eine russische Tradition ist, sich so in den Militärdienst zu verabschieden. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür. Wir haben dann mehr als eine Stunde in eisiger Kälte verbracht, mehr Alkohol getrunken, Fotos gemacht, gesungen und Vanja in die Luft geschmissen (!) bis er dann endlich auf das Militärgelände gelassen wurde.
Danach sind alle nach Hause gegangen bis auf Martin und ich. Wir sind direkt weitergefahren zur Arbeit, wo wir ein Radiointerview geben mussten. Ich habe mein Schlafdefizit bis heute noch nicht aufgeholt, aber das lässt sich verschmerzen bei so einer Nacht.
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