Montag, 19. Dezember 2011

Lost in Translation

Russland ist kein Land der Fremdsprachen.
Warum soll man auch eine Fremdsprache lernen, wenn im eigenen Land um die halbe Welt reisen kann und im eigenen Sprachkreis durch halb Europa.
Was für die Russen ziemlich praktisch ist, ist für uns als Ausländer, die kein Russisch sprechen, ziemlich anstrengend. Bei Chance in den Jugendhäusern spricht niemand Englisch und selbst unser Koordinator Yuri spricht nur gebrochen Englisch. Wir sind also immer darauf angewiesen, dass entweder Martin übersetzt oder wir uns in gebrochenem Englisch und noch gebrochenerem Russisch unterhalten können. Wenn wir uns ohne Martins Hilfe unterhalten, kommt es häufig zu Missverständnissen, die teilweise recht witzig sind. Ein besonders schönes Missverständnis verdanken wir Zhenya, dem besten Freund von Yuri, mit dem wir viel Zeit verbringen. Zu Zhenyas Verteidigung muss man sagen, dass er erst im Juli angefangen hat Englisch zu lernen - und gleichzeitig Französisch - und mittlerweile fast fließend Englisch spricht. Er hat nie einen Sprachkurs besucht, sondern sich alles nur selbst beigebracht durch Sprechen und Zuhören. Seine Grammatik ist zwar teilweise etwas verquer, aber die wird auch immer besser. Ich habe das Gefühl, dass er durch jeden Moment, den er mit uns Englischsprechern verbringt, spürbar besser wird. Er hat ein unhemlich gutes Wörtergedächtnis und ist wahrscheinlich eines der größten Sprachtalente, die ich je getroffen habe, und er ist sich selbst dessen gar nicht bewusst.
Zhenya - ein unheimliches
Sprachtalent, aber manchmal
eben doch lost in translation.
Von Zeit zu Zeit überschätzt man seine Englischfähigkeiten dann aber doch, wie in besagter Situation, die geschrieben wahrscheinlich nicht so gut rüberkommt, wie in der Realität.
Kevins Uralt-Nokia-Handy ist kaputt gegangen und da er in elektronischer Hinsicht etwas inovationsscheu ist, wollte er es reparieren lassen. Da Zhenya alles und jeden in Togliatti kennt, hat Kevin sich mit seinem Problem an ihn gewandt: "Zhenya, I have a problem and I need your help" - "Yes?" - "My cell phone (Handy) is broken." Daraufhin hat Zhenya ihn mit dem mitleidigstem und entgeistertstem Blick angesehen und gefragt: "What?!? Your Self (dein "Ich") ist broken ?!?"
Ich bin mittlerweile ganz gut darin, solche Übersetzungsbarrieren zu deuten, und habe Zhenya nach meinem ersten Lachanfall schnell klar gemacht, dass Kevin ihn nicht als Psychiater engagieren will sondern dass es nur um sein "mobile phone" geht.

Essen Teil 2: закуска (Sakuska)

Meine Freude war riesig groß, als ich zum ersten Mal im Supermarkt die Aufschrift закуска (Sakuska) entziffert hatte. Das Wort erinnerte stark an meinen allerliebsten Brotaufstrich aus Rumänien - Zacuscă. Das ganze sah dann aber doch nicht ganz so aus wie mein Zacusă und später musste ich mir von Russen erklären lassen, dass Sakuska die allgemeine Bezeichung für Snack ist - also alles, was man zu einem Glas Bier oder Wodka dazu isst.
Ich habe mittlerweile einiges in der Hinsicht kennengelernt und ich muss sagen, dass die Russen in dieser Hinsicht echt einen sonderbaren Geschmack haben.
Das Leckerste, was ich bisher entdeckt habe, ist "Bierkäse" (so habe ich ihn getauft, weil wir ihn immer essen, wenn wir Bier trinken). Dabei handelt es sich um einen faserigen weißen Käse, der in Strähnen geflochten wird und dann geräuchert wird. Man schneidet ihn auf und isst die einzelnen Strähnen - klingt wahrscheinlich ziemlich eckelig, ist aber total lecker, weil ziemlich salzig.
"Bierkäse" geflochten
 Aufgetrennt, wie er gegessen wird
 Das war es dann aber auch schon mit leckeren Sachen. Besonders abstoßend finde ich die Fischsnacks, die hier sehr häufig sind - getrockneter, gesalzener Fisch. Sprotten, Stücken von Hering oder Kalamaris. Ich habe sowas vor einigen Jahren schon mal probiert und nicht gemocht, aber ich dachte ich gebe der Sache noch mal eine Chance. Wir haben also Heringsstücken (glaube ich) und Kalamaris gekauft - und ich habe nicht mal ein halbes Heringsstück geschafft. Die Kalamaris liegen heute noch ungeöffnet in unserer Küche.
Unsere übriggebliebenen Kalamaris

Getrockneter Fisch im Ganzen

Fischstücken
Recht sonderbar finde ich auch den russischen Chips-Geschmack. In Deutschland gibt es ja seit Neuestem auch die eine oder andere Geschmacksrichtung, die ich nicht so ganz nachvollziehen kann (Currywurst), aber die Russen haben noch mal interessantere Varianten dabei. Ich habe zwar noch keine davon probiert, hatte aber meinen Spaß dabei, sie alle im Supermarkt zu fotografieren. (Zum Vergrößern anklicken)
Zwiebeln mit Schmand - noch recht normal
Schaschlik

Kaviar
Pilze und Schmand

Krebs
Schaschlik die 2.

Tomate-Mozzarella





Sonntag, 18. Dezember 2011

Goodbye Vanya

Am letzten Montag habe ich eine denkwürdig Nacht verbracht. Wahrscheinlich werde ich davon noch in zwanzig Jahren als witzige Anekdote aus meiner Zeit in Russland berichten. Wenn ich all das, was passiert ist, in der Intensität beschreiben würde, mit der ich es erlebt habe, könnte ich wahrscheinlich einen Roman damit füllen, deshalb werde ich hier nur sehr oberflächlich schreiben und den Rest vielleicht irgendwann mal in lustiger Runde erzählen.

Wir haben in den letzen Wochen häufiger was mit einigen russischen Freiwilligen von Chance unternommen. Ein ziemlich bunter Haufen von witzigen und offenen Menschen. Während die Freunde, die wir bis dahin so kennengelernt haben, dem Alkohol eher negativ gegenüberstanden, erfüllen diese Freiwilligen jedes Vorurteil, dass man in der Hinsicht über Russen haben kann. Partys in ihrem Kreis übertreffen, wie ich feststellen musste, sogar Sandbostler-Dorf-Großevents (Minstedter Woche, Pfingsten etc.). Zumindest, was den Alkoholkonsum angeht.
Ein paar von den Leuten, die an dem Abend beteiligt waren. In ihrer Freizeit
treten sie mit einer Feuershow in Clubs auf, die wir vorletzte Woche
gesehen haben. Vanja, unser Gastgeber ist der zweite von links.
Einer dieser Freiwilligen, Vanja, muss ab sofort seinen Militärdienst ableisten. Er wird dafür für ein Jahr nach Moskau gehen, was bedeutet, dass er ab sofort eine Tagesreise von Togliatti entfernt wohnt. Er hat uns zu seiner Abschiedsfeier eingeladen mit der Warnung, dass wir uns für den nächsten Tag Nichts vornehmen sollten. Ich habe erwartet, dass es ein großes Besäufnis wird, aber die Realität hat meine Erwartungen bei Weitem übertroffen.
Martin und ich sind alleine auf die Party gegangen, weil Kevin zu der Zeit in Nizhni Novgorod war. Vanjas Familie wohnt in einem kleinen Haus am Rande der Stadt. Und ohne jetzt unverschämt sein zu wollen: Es ist der dreckigste Ort, an dem ich je war. Kevin hat es ganz elegant ausgedrückt: "Es ist beeindruckend wie grundsätzliche Sauberkeitsbedürfnisse bei den Menschen auseinanderklaffen können." Als wir um 1 Uhr Nachts angekommen sind, waren schon alle betrunken. Zwei Männer (einer davon glaube ich Vanjas Vater) lagen die ganze Zeit über bewusstlos/schlafend auf dem Sofa, Dima, ein 17-jähriger Freiwilliger, hat mich nur mit schielendem Blick angesehen, umarmt und ist dann ins Schlafzimmer gegangen. Vanja, unser Gastgeber, war total heiser und hat die ganze Zeit anzügliche Witze gemacht. Leider war sein Englisch gut genug, dass er die auch für mich übersetzen konnte. Dann waren da noch die beiden Nazis. Als ich angekommen bin, haben sie sich schnell ihre T-shirts angezogen (wie taktvoll gegenüber der Deutschen), aber ich habe noch mitbekommen, dass ihre ganzen Oberkörper mit Hakenkreuzen tätowiert waren. Ich, blond, blauäugig und vor allem deutsch, war von da an das Ziel ihrer geballten Charme-Offensive. Die Tatsache, dass der eine gelispelt hat und der andere vor lauter Alkohol geschielt hat, hat die Sache allerdings ganz witzig gemacht. Und ständig haben irgendwelche Leute angefangen sich sinnlos zu prügeln. Meistens ist Vanja, der ein echter Schrank ist, dazwischengegangen. Zwischen alledem war noch Vanjas Freundin, die ständig den Tränen nahe war, weil ihr Liebster sie jetzt für ein Jahr verlassen muss.
Es waren auch Leute da, die nicht ganz so besoffen waren. Nikita und seine Freundin Nastya habe ich an dem Abend erst kennengelernt. Er hat sich die ganze Zeit für alles entschuldigt: Dass alle so besoffen sind, dass man mir immer wieder mit Nachdruck eine große Schüssel mit Fleisch angeboten hat, dass alle um 3 Uhr angefangen haben lauthals die Nationalhymne zu singen etc. Valentin, einer von den Freiwilligen, und ich haben festgestellt, dass wir beide Kollegen sind - als Teamer in Jugendcamps. Und ein bisschen was getrunken habe ich auch - selbstgebrannten Wodka, Samogon. Aber ich habe mich zurückgehalten, weil wir unseren nächsten Tag natürlich nicht frei von Arbeit halten konnten.
Um 5 Uhr morgens ist Vanja in einen komatösen Zustand verfallen. Sie haben vier Leute gebraucht um ihn aus dem Bad aufs Sofa zu tragen.
Morgens um sechs sind so langsam alle wieder aufgewacht. Es gab noch ein Butterbrot (das Wort benutzen die hier wirklich) zum Frühstück. In der total chaotischen Küche habe ich zwischen dreckigen Geschirr und gammeligem Essen ein Gewehr entdeckt, einfach so an den Tisch gelehnt.
Um 7 Uhr gings dann los zum Busbahnhof. Dort angekommen habe ich dann festgestellt, dass wir nicht die einzigen waren, die jemanden verabschiedet haben. Es waren unheimlich viele betrunkene, feiernde Menschen da, die jemanden verabschiedet haben. Ich habe im Nachhinein erfahren, dass es eine russische Tradition ist, sich so in den Militärdienst zu verabschieden. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür. Wir haben dann mehr als eine Stunde in eisiger Kälte verbracht, mehr Alkohol getrunken, Fotos gemacht, gesungen und Vanja in die Luft geschmissen (!) bis er dann endlich auf das Militärgelände gelassen wurde.
Danach sind alle nach Hause gegangen bis auf Martin und ich. Wir sind direkt weitergefahren zur Arbeit, wo wir ein Radiointerview geben mussten. Ich habe mein Schlafdefizit bis heute noch nicht aufgeholt, aber das lässt sich verschmerzen bei so einer Nacht.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Teekultur in Russland

Auf speziellen Wunsch von Sabine (meine Tante), beginne ich heute eine (geplante) Reihe von blog-Einträgen über russisches Essen, mit einem Bericht, den ich schon seit langem geplant habe: Russische Teekultur.

Die Wörter, die man in einer fremden Sprache zuerst lernt, sagen oft viel über ein Land aus. Ich kenne zum Beispiel mittlerweile viele Wörter, die im Zusammenhang mit Winter stehen: зима (Winter), холодно (kalt),
каток (Eisbahn) etc. Zuallererst (nämlich schon nach einer Woche) konnte ich allerdings alle Wörter, die im Zusammenhang mit Tee stehen. Und das hat einen Grund: Die Russen sind das Tee-verliebteste Volk, das ich je erlebt habe. Sobald wir in den ersten Wochen irgendwo angekommen sind, wurde uns Tee angeboten. Selbst an den heruntergekommensten Orten und in den kargsten Büros scheinen immer noch irgendwo ein Wasserkocher und genug Teetasen für zehn Gäste vorhanden zu sein. Bekommt man Tee angeboten, muss man ja sagen, und anschließend wird ein gigantischer logistischer Prozess in Gang gesetzt. Zuerst werden die Teetassen gebracht und das Wasser im Wasserkocher aufgesetzt und dann wird alles erdenkliche Essbare, dass sich irgendwo in greifbarer Nähe befindet, herangebracht. Meistens handelt es sich bei dem Essen um vollkommen übersüsste Süssigkeiten, wenn man Glück hat bekommt man irgendein Gebäck. 
Getrunken wird in der Regel schwarzer Tee, häufig aber auch grüner Tee. Der Tee wird auf eine sehr interessante Art und Weise zubereitet. In einer kleinen Kanne wird zunächst ein sehr starker Tee zubereitet, der dann auf mehrere Tassen verteilt wird und mit heißem Wasser aus dem Wasserkocher verdünnt wird. All die staubigen kleinen Partikel werden damit größtenteils aus dem Tee rausgefiltert. Ich denke, das erklärt sich aus der Tradition mit dem Samowar, der ja nach dem gleichen Prinzip funktioniert.
Mir wurde jetzt im Nachhinein erklärt, dass man in Russland unerwarteten Gästen Tee anbietet. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass wir besonders in den ersten Wochen so viel Tee bekommen haben. Mittlerweile hat das ganze nämlich etwas nachgelassen. Dennoch trinke ich aber immer noch viel Tee und kaum noch Kaffee.
Die Teevernarrtheit geht sogar so weit, dass man Tee in den Zügen trinken kann. In jedem Wagon in den Schlafwagenzügen befindet sich ein Samowar. Wer eine Tasse dabei hat, darf umsonst Tee trinken. Deshalb habe ich mir in Moskau auch für die Rückfahrt nach Togliatti auch eine wunderschöne I love Russia Tasse gekauft.

Nachtrag zur Wahl

Da habe ich gerade meinen blog-Eintrag darüber veröffentlich, dass die Menschen hier eigentlich eher uninteressiert an politischen Geschehnissen sind, und schon kann ich mich nicht mehr vor politischen Diskussionen retten. Egal wo ich in den letzten Tagen war, immer wurde über Politik diskutiert. Es scheint wirklich so, als würde jetzt aller politischer Frust aus den Menschen rauskommen, der sich vor den Wahlen aufgestaut hat.
Ein Ausdruck, den ich von mehreren Seiten gehört habe, ist "MedwedPut Company". So wird hier scherzhaft die intensive Männerfreundschaft zwischen Medwedew und Putin bezeichnet inklusive all ihrer Nebeneffekte auf die russische Demokratie und den Staat. Jeder, der über die Wahlen spricht, hat eine andere Partei als Edinaja Rossia gewählt, und alle sagen auch, dass sie niemanden kennen, der sie gewählt hat. 
Auf die Demonstration in Togliatti bin ich wie angkündigt nicht gegangen. Ich hätte auch, selbst wenn ich gewollt hätte, überhaupt keine Zeit gehabt, weil ich an der Schule gearbeitet habe. Martin und ich waren allerdings heute Abend auf einer Feier bei Bekannten und dort war jemand, der auf der Demo war und Videos gemacht hat. In diesen Videos sieht es nach ca. 500 Demonstranten aus, die wie er sagt 1,5 Stunden vor dem Rathaus demonstriert haben.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Über die Wahlen in Russland

Ich wurde mittlerweile schon von mehreren Seiten gefragt, was ich denn über die Wahlen in Russland denke. Um es ganz ehrlich zu sagen: Ich glaube in Deutschland sind die russischen Wahlen ein viel größeres Thema als hier in Russland. Und ich meine damit nicht nur in den Medien, sondern auch bei den Leuten selbst.
Die meisten Russen, die ich kennengelernt habe, scheinen politisch nicht interessiert zu sein, obwohl viele von ihnen gesellschaftlich sehr engagiert sind. Ich glaube es ist ihre Art der Abwehr gegen ein korruptes und abgehobenes politisches System, sich einfach komplett dem privaten und lokalem Engagement zuzuwenden. Wenn man mit den Menschen über Politik reden will, muss man selbst das Thema anschneiden. Von sich aus fangen sie nicht mit diesem Thema an, es sei denn, sie wollen von einem wissen, wie die gesamte Putin-Medwedew-Tauschaktion im Ausland bewertet wird. Allerdings lassen alle, und damit meine ich wirklich alle, die ich kenne, hintergründing anklingen, dass sie die aktuelle politische Lage, kritisch sehen bzw. nur noch ein müdes Lächeln dafür übrig haben.
Vor der Wahl war hier nicht wirklich etwas von Wahlkampf zu sehen. Единая Россия (Putins Partei) hat ein paar große Plakate aufgehängt, auf denen leere Floskeln zu lesen waren. Im Allgemeinen haben sie glaube ich eher darauf abgeziehlt, die Menschen überhaupt zur Wahl zu bewegen. Dass sie die Wahl gewinnen würden, wussten sie ja schon vorher. Die einzige Partei, die ich je beim Flugblätter verteilen gesehen habe, waren die Kommunisten. Und die sind, wenn ich es richtig mitbekommen habe, auch die stärkste Kraft hier in Togliatti geworden. Aber insgesamt hatte das alles nichts gemein mit dem Wahlkampf, den ich aus Deutschland kenne, oder sogar aus Cluj, wo im Wahlkampf die ganze Stadt mit orangen, gelben und roten Plakaten gepflastert war.
Aufruf zur Mahnwache in der vkontakte-
Gruppe. Ich hoffe dafür wird mein blog
jetzt nicht gesperrt.
Nach der Wahl scheint es, als ob die Russen genauso überrascht über das Ergebnis sind, wie die westlichen Medien. In den russischen Medien wird natürlich nichts über die Proteste in Moskau berichtet, aber auch hier gibt es social networks. Es scheint tatsächlich so, als ob die Proteste nicht nur auf Moskau beschrenkt sind. Wir sind gestern im russischen facebook (vkontakte.ru) auf eine Gruppe gestoßen, die sich "Togliatti gegen Wahlbetrug Einiges Russland" nennt, und die relativ viele Mitglieder hat (über 3000). Diese Gruppe plant am 10. Dezember eine "Mahnwache" vor dem Rathaus in Togliatti. Eine social-network-Gruppe bedeutet zwar noch nicht viel, aber heute habe ich mitbekommen, wie sich zwei Leute über diese Mahnwache unterhalten haben, und ich habe mich in das Gespräch eingeklinkt. Sie haben gesagt, dass sie einen masiven Polizeieinsatz bei der Demo erwarten. Somit steht für mich auch schon fest, dass ich mich der ganzen Sache leider nicht nähern werde, da ich immer noch auf die Verlängerung meines Visums warte. Auf dem on-arrival-training wurde uns geraten, uns von jeglicher Demonstration fernzuhalten. Anscheinend wurden irgendwann in den letzten Jahren mal ein paar Freiwillige ausgewiesen, weil sie für den Schutz der sibirischen Tiger (oder so) demonstriert haben. 
Ich werde die ganze Sache aber bestimmt weiter beobachten und bin jetzt schon sehr gespannt auf die Präsidentschaftswahl im März und einen vielleicht ja mal etwas hitzigeren Wahlkampf.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Mein erster Tag als Lehrerin

In den letzten Wochen bin ich leider sehr selten zum Schreiben gekommen, weil wir eigentlich dauerhaft irgendwo eingespannt sind. Vielleicht schaffe ich es irgendwann einmal über meine ganzen Erlebnisse zu schreiben. Es war viel interessantes dabei - von Pressekonferenz bis zu Feuershows :). Jetzt kommt allerdings erstmal ein Bericht über meine heutigen ersten Tag an der школа 93 (93. Schule - die sind hier bei der Namensgebung der Schulen nicht so kreativ).
Es war schon seit Wochen geplant, dass wir hier an der Schule Englisch und Deutsch unterrichten sollen. Mitte November hatten wir ein erstes Gespräch mit dem Schulleiter, eine der Englischlehrerinnen treffen wir praktisch wöchtenlich und einiger der Schüler sind auch in unserem LingVoClub (der Englisch-Klub, den wir zwei mal pro Woche verantstallten). Eigentlich sind das alles perfekte Vorraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit, aber eine Sache ist mal wieder dazwischen gekommen: Die russische Unorganisiertheit!
Eigentlich wollte uns eine der Englischlehrerinnen schon im November die Themen per email schicken, die in den Lehrbüchern behandelt werden, damit wir uns darauf vorbereiten können und unsere eigenen Themen darauf abstimmen können. - Die email kam natürlich nie an.
Am letzten Samstag sollten unsere ersten Stunden sein. Nach dem normalen Unterricht. Nur leider hat man wahrscheinlich vergessen den Schülern bescheid zu sagen, weshalb nur ca. 15 Leute da waren.
Bis Montag wollten uns die Lehrerinnen einen genauen Plan schicken, was wir in den nächsten Stunden machen sollen bzw. wann die Stunden überhaupt anfangen sollten. Als am Dienstag immer noch keine email da war, obwohl am Mittwoch die nächsten Stunden sein sollten, sind wir doch etwas unruhig geworden. Auf unsere Nachfrage kam dann gestern Abend um 9 Uhr eine email an, die in ungefähr folgende Aussage hatte: Macht bitte den ganzen Vormittag über was ihr wollt, mit wem ihr wollt, in welcher Sprache ihr wollt und zu euren Themen. Aber es wäre schön, wenn ihr etwas vorbereiten könntet... Wir haben dann beschlossen uns einfach mal an russiche Verhältnisse anzupassen und nichts vorzubereiten. (Im Nachhinein kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Im Allgemeinen kann man Russland glaube ich als das Land der Improvisation bezeichnen. Jede Vorbereitung wird zunichte gemacht, weil eigentlich nie das geschieht, was man erwartet.)
Englischunterricht im Lehrer-Konferenzzimmer unter den wachsammen Blicken von Dima und Wowa (Beide sind in diesem Fall geknüpfte Teppiche und dem Putin haben sie mehr Haare geknüpft, als er tatsächlich hat (oder er hängt dort einfach schon zu lange...) Wir haben uns schon gefragt, was nach den Präsidentschaftswahlen pasiert. Ob dann wohl  Medwedew wieder neben dem Feuermelder hängen muss? Im Flur steht in vierfacher Lebensgröße auch noch eine Lenin-Büste, aber der hat jemand einen Kaugummi in die Nase geklebt.)

Nach dem ganzen Vorlauf ist der Tag dann doch ganz gut verlaufen. Wir waren von morgens um 10.00 Uhr bis Nachmittags um 15.00 beschäftigt und haben nacheinander verschiedene Unterrichtsstunden besucht. Russische Schulen sind immer Gesamtschulen, was bedeutet, dass ich heute sowohl 17-jährige Englisch-Schwerpunktschüler als auch zehnjährige Deutschschüler unterrichtet habe. Die Themen reichten dementsprechen auch von bevorzugten Musikrichtungen bis hin zu Красная Шапочка (Rotkäppchen).
Das wir uns nicht vorbereitet haben war ganz gut, da ein Großteil der 40-minütigen Stunden für die Vorstellung draufgegangen ist. Als Martin einen der eingeschüchterten 17-jährigen Schüler gefragt hat, was er nach der Schule machen möchte, habe ich aus meiner deutschen Erfahrug heraus innerlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gedacht: "Nein, Martin! So etwas kann man doch keinen Schüler kurz vor seinem Abschluss fragen!" Zu meiner Überraschung kam dann aber wie aus der Pistole geschossen die Antwort, dass er Ingenieurswesen studieren will. Und im Laufe eines Tages mit vielen Vorstellungsrunden musste ich feststellen, dass russische Schüler anscheinend tatsächlich mehr Probleme damit haben, ihr Hobby zu wissen, als zu sagen, was ihre Zukunftspläne sind. 
Zu einem Tag in einer russichen Schule gehört natürlich auch das Essen in der Kantine (für uns sogar vegetarisch), für das alle nur 15 Minuten Zeit haben. Und die Benutzung der Toiletten... Leider... Die haben nämlich in russischen Schulen generell keine Türen...

Dienstag, 22. November 2011

Nachtrag zur Reise

Der Kuybyshev-Stausee (die Russen nennen ihn auch Meer)
Dort auf den Schienen sind wir gefahren (allerdings nicht im Sommer)
OK, ich gebe zu, eine Reise im Schlafwagen ist nicht ganz so spektakulär, wie ich sie mir vorgestellt habe. Wobei "immer nur Essen" das ganze eigentlich recht gut trifft. Man kann nämlich eigentlich nichts anderes machen als zu Essen, weil es keine Steckdosen für Laptops gibt und das Licht immer gedimmt wird, wenn man durch Städte fährt. Während der ersten Stunde habe ich noch aus dem Fenster gestarrt. Das war auch die Zeit, die wir gebraucht haben um aus Togliatti überhaupt raus zu kommen und die Wolga zu überqueren. Wenn ich es richtig gedeutet habe, sind wir praktisch über den Staudamm gefahren. Es war auf jeden Fall unglaublich, als ob wir mit dem Zug übers Meer fahren würden.

Vor der Abreise
Anschließend war es dann aber schon so dunkel, dass man nicht mehr im Tageslicht lesen konnte. Und das Licht im Zug wurde nur außerhalb der Städte hell genug gemacht. Die ersten Leute haben kaum, dass wir losgefahren sind ihre Pyjamas angezogen und ihre Betten gemacht. Im Wagon sind die Betten so aufgeteilt, dass sich immer vier Betten auf der einen Seite des Ganges gegenüberliegen (jeweils zwei Hochbetten) und auf der anderen Seite des Ganges noch mal ein Hochbett liegt. Dazwischen befinden sich Trennwände. Allerdings entsteht nicht wirklich Privatssphäre, da jeder in alle Betten gucken kann. Um 22.00 Uhr wurde dann das Licht komplett gedimmt. Das lag allerdings weit unter meiner üblichen Bettgehzeit hier in Russland. Ich lebe praktisch immer noch nach deutscher Zeit, das heißt, ich bin fast nie vor 3.00 Uhr im Bett. Ich habe also zuerst mit Martin alle typischen Reisespiele (Wer bin ich? etc.) durchgespielt, dann gegessen, dann versucht mit Taschenlampe zu lesen, dann wieder gegessen... Und das alles währen die alte Frau hinter der Trennwand schon geschnarcht hat. Irgendwann bin dann auch ich eingeschlafen. Es war nicht der erholsamste Schlaf, aber immer noch besser als im Sitzen schlafen. 
Unser Wagen
Um halb elf morgens sind wir in Moskau angekommen und am Bahnhof wartete schon die erste Überraschung. Sergej, ein Freund von Yuri (und mittlerweile wohl auch von uns), ist zur Zeit beruflich in Moskau. Wir haben in Togliatti zum Spaß gesagt, dass wir uns ja in unseren zwei Stunden Aufenthalt in Moskau treffen können. Und nun stand er tatsächlich am Bahnhof! Wir haben einen Kaffee getrunken und uns ein bisschen die Gegend angeguckt. Moskau hat mehrere große Bahnhöfe. Einen für jede Richtung. Wir sind am Kasaner Bahnhof angekommen, aber es gibt auch noch einen Kiewer, einen Leningrader, einen Belarussischen Bahnhof etc. 
Gegen Mittag haben wir unsere Reise fortgesetzt und sind um ca. 17.00 Uhr hier in Suzdal angekommen. Nach drei Wochen Plattenbau-Plan-Industriestadt ist Suzdal echt eine schöne Abwechslung. Es ist ein niedliches kleines Städtchem mit bunten Holzhäusern, vielen Kirchen mit Zwiebeltürmen, Pferdekutschen in den Straßen etc. ...Bilderbuchrussland


 

Sonntag, 20. November 2011

Auf zum On-Arrival Training

In der nächsten Woche fahren wir zum On-Arrival Training nach Susdal. Das Training ist für alle EFDler Pflicht. Das heißt, wir werden dort noch viele andere Freiwillige aus ganz Russland treffen, worauf ich mich schon echt freue.
Unsere Reise in der nächsten Woche
Allerdings braucht es erst einmal eine halbe Weltreise um überhaupt zum Seminar zu kommen. Aber das ist wohl normal für Russland und wir haben nicht die weiteste Anreise. Die haben laut Teilnehmerliste drei Freiwillige aus Ulan-Ude am Baikalsee (ca. 4400 km östlich von Moskau!). Unsere 1000 km bis Moskau reichen aber auch schon aus, um die Reise sehr lang zu machen.
Eigentlich fängt das Treffen nämlich erst am 23. an. Wir starten aber schon morgen am 21. hier in Togliatti. Weil die Zugverbindungen ziemlich ungünstig sind, kommen wir schon einen Tag vor Beginn des Seminars an. Morgen um 16.00 Uhr fahren wir hier in Togliatti los und kommen am Dienstag um ca. 10.00 Uhr in Moskau an. Wir fahren im Schlafwagen :) Yuri sagt in seinem Russenglisch: "Sleeping train is eating all the time and drinking all the time." (wörtlich übersetzt: Ein Schlafzug ist immer Essen und immer Trinken.) Wir überlegen schon, ob wir Bier mitnehen sollen, das wir gegen Wodka eintauschen können, aber Yuri sagt das brauchen wir nicht. Er ist im Frühjahr im Schlafwagen nach Abchasien gefahren und hat sich zwei Tage lang von den anderen Mitreisenden durchfüttern lassen. Wir werden sehen...
Von Moskau geht es dann weiter mit dem Zug nach Vladimir (ca. 200 km von Moskau entfernt) und von dort mit dem Mini-Bus nach Susdal. Laut Ticket sind wir gegen 17 Uhr in Vladimir und werden dann wohl im Laufe des Abends in Susdal eintreffen. 
Das Training dauert drei Tage bis zum 27. Danach fahren wir zurück nach Moskau, wo wir für zwei Nächte im Hostel übernachten um die Stadt kennenzulernen. Und in der Nacht vom 29. auf den 30. geht es zurück nach Togliatti. Insgesamt kostet die Fahrt ungefähr 3000 Rubel (ca. 75 Euro)
Mein Ticket für den Schlafwagen von Togliatti nach Moskau

Samstag, 19. November 2011

Im Schwimmbad

Heute war ich zum ersten Mal im Schwimmbad! Im бассейн олимп (bassein olimp). Kevin und Martin waren beide schon einige Male mit Yuri schwimmen, aber ich durfte nie mitkommen, weil es getrennte Badetage für Männer und Frauen gibt. Aber da heute Frauentag war und ich einen freien Vormittag hatte, habe ich die Chance genutzt. Martin hat mich zum Übersetzen begleitet, was auch echt gut war, weil ein Schwimmbadbesuch ein riesiger bürokratischer Akt ist.
Das ganze fängt schon beim Ticketkauf an. Man bezahlt nicht einfach seinen Eintritt und geht ins Schwimmbad, sondern man kauft im Prinzip Schwimmstunden, die zu festen Zeitpunkten beginnen und enden. Ich habe zum Beispiel heute die Stunde ab 10.45 Uhr gewählt wie ungefähr 40-50 andere Frauen auch. Das heißt, ich durfte ab 10.30 Uhr in die Umkleidekabinen um mich umzuziehen und zu duschen, ab 10.45 Uhr durfte ich für 45 Minuten ins Schwimmbecken (um pünktlich 11.30 Uhr wurde die nächste Schicht ins Becken gelassen) und danach hatte ich noch eine Viertelstunde zeit um mich zu Duschen und zu trocknen. Heute habe ich nur mit einer Einzelkarte geschwommen, aber für den Dezember habe ich mir ein Abonement gekauft, auf dem ich genau meine Schwimmzeiten angeben musste (Mittwoch und Freitag um 10.45 Uhr und Sonntag um 15.30 Uhr). Keine Ahnung, ob ich es immer zu diesen Zeiten frei habe, aber das Abonement lohnt sich schon ab drei mal Schwimmen im Monat.
Nachdem ich mit Martins Hilfe meine Eintrittskarte gekauft habe, stand ich vor dem nächsten Hindernis. Man kommt nämlich nicht so ohne Weiteres in die Schwimmhalle, sondern muss erst eine ärztliche Untersuchung über sich ergehen lassen (auf offene Wunden und Fußpilz :)). Die Ärztin konnte zum Glück ein bisschen Deutsch und war total begeistert mal einen Ausländer zu untersuchen. Nach der Untersuchung musste ich noch meine Jacke und meine Schuhe an der Gaderobe abgeben (Gaderoben sind unheimlich wichtig in Russland!) und dann ging es auf Badelatschen weiter in die Schwimmhalle. Beim Warten auf die Ärztin habe ich eine ältere Russin kennengelernt, die mir jetzt in der Schwimmhalle alles gezeigt hat. Ansonsten wäre ich wahrscheinlich vollkommen verloren gewesen. In der Umkleidekabine musste ich zuerst meine Eintrittskarte an der "Rezeption" abgeben, wo ich eine Spind-Nummer zugewiesen bekommen habe (Nr. B-66, was sich später noch mal als tückisch herausstellen sollte). Ich war schon zu spät für die 10.45-Session, weshalb ich nur schnell alle meine Sachen in den Spind geschmissen habe und ihn zugeknallt habe. Danach ging es in den zweiten Stock in eine riesige Schwimmhalle mit 10-Meter Sprungturm, drei Becken, zehn 50m-Bahnen und Tribüne. Schwimmen war echt mal wieder toll, wenn auch nur für 20 Minuten. Dann musste ich nämlich schon wieder raus und bin zum Duschen in einen riieeeesigen Duschraum (mit sicherlich 50 Duschkabinen) gegangen. Und dann kam das Highlight: Der Trockenraum. Ich hatte schon von Martin und Kevin davon gehört und war deshalb schon lange gespannt darauf. Es gibt in dem Bad zwei Räume, in denen an der Wand zwei riesige Warmluftgebläse hängen, die einen trocknen. Ich habe mir den Trockenraum angeschaut, dann aber beschlossen mich doch lieber auf die herkömmliche Art mit Handtuch zu trocknen, da sich unter dem Riesen-föhn ein Pulk älterer Frauen drängte.
In der Umkleide folgte dann der letzte Schock: Mein Schrank ging nicht auf! Ich stand also da nur mit Handtuch bekleidet und rüttelte verzweifelt an Schrank nummer 66. Eine Oma hat wohl meine missliche Lage mitbekommen und mir dann irgendwie verständlich gemacht, dass ich zur Rezeption gehen muss um meine Schrank wieder öffnen zu lassen. Ich ging also zur Rezeption und in dem Moment, als ich vor der übelstgelaunten Rezeptionisten stand, fiel mir ein, dass ich keine Ahnung hatte, was 66 auf Russisch heißt (Warum hatte sie mich auch keine Zahl bis 49 gegeben... Die hätte ich schon gekonnt). Aber mit viel Mimik und Gestik habe ich mich verständlich gemacht.
Nach diesem Abenteuer war die erste Fahrt alleine in der Marschrutka ein Kinderspiel!

Dienstag, 15. November 2011

Я не говорю по русски... But I can teach you English

Neben unserer Arbeit in den Schans-Häusern kristallisiert sich eine Hauptaufgabe heraus: Sprachen lehren. Yuri, unser Koordinator hat sich anscheinend in den Kopf gesetzt ganz Togliatti Englisch beizubringen, was paradox anmutet, wenn man bedenkt, dass er selbst nur gebrochenes Englisch spricht. 
Er hat dafür den LingVoClub gegründet. (Fragt mich bloß nicht wofür das VO steht) Es gibt auf jeden Fall einen regulären LingVoClub, in dem eine Sprachlehrerin einmal pro Woche auf die herkömmliche Art englisch unterrichtet. Allderings  wird die Lehrerin wohl demnächst "gefeuert" werden, weil sie unter der Hand Geld von ihrern Schülern nimmt, obwohl das Angebot umsonst sein soll (wie alles bei Schans). Für den Fall, dass sie sich nicht einsichtig zeigt, sind wir schon als Ersatzlehrer eingeplant... 
Neben diesem regulären Unterricht gibt es den LingVoClub freestyle, in dem sich alle an der englischen Sprache interessierten zwei mal pro Woche treffen. Jedes Treffen steht unter einem anderen Thema, zu dem Präsentationen, Filme und Lieder vorgeführt werden. Vor allem wird aber viel gesprochen und spielerisch die Sprachkenntnisse weiterentwickelt. Wie bei der Sprachanimation im Camp Helmstedt in diesem Jahr :) Wir haben in den letzten Wochen auch immer Beiträge für diesen LingVoClub vorbereitet. Geleitet wird dieser Club von Elina, die Englischlehrerin an einer Schule ist. Die war anscheinend von unseren Beiträgen so begeistert, dass sie dem Rektor ihrer Schule vorgeschlagen hat, dass wir ähnliches an ihrer Schule neben dem regulärem Englisch- und Deutschunterricht anbieten. Heute hatten wir ein Treffen mit dem Schulleiter und im Dezember kommen wir zwei mal pro Woche in die Schule.


Während wir also allen anderen "unsere" Sprache beibringen, haben wir immer noch nicht den versprochenen Russischkurs bekommen. Es ist allerdings erstaunlich wie viel zwei Wochen intensiv-Russisch ausmachen. Ich verstehe schon relativ viel. Allerdings nur, wenn ich anderen bei einer Unterhaltung zuhöre, werde ich direkt angesprochen ist es vorbei. Und sprechen kann ich noch lange nicht. Ich habe jetzt damit angefangen mir Vokallisten zu allen möglichen Themen zu machen (Gemüsesorten, Körperteile, Zeitangaben etc.). Das eine oder andere Wort bleibt hängen und mit dem was ich bei den russischen Unterhaltungen um mich herum aufgeschnappt habe, kann ich mich ab und zu verständlich machen. Allerdings kämpfe ich noch immer mit der Aussprache... Os, die eigentlich immer wie A ausgesprochen werden, weiche und harte Buchstaben, ungeheuer wichtige Betonung, die vollkommen willkürlich wechselt und vor allem: Das R. Ich kann es einfach nicht rollen! Und das gilt hier als Sprachfehler, wie bei uns das Lispeln.

Von Eskimos und tanzenden Verkehrsschildern

Unsere allererste richtige selbstständige Arbeitswoche ist vorbei und so langsam habe ich das Gefühl, dass ich das ganze Institutionengefüge hier einigermassen durchschaue. Das Jugendhaus Schans («Дом молодежных организаций Шанс») ist eine Einrichtung der Abteilung für Kinder und Jugend der Stadt Togliatti und ist für einen großen Aufgabenbereich zuständig. Das zentrale Büro ist zuständig für die Koordination des gesammten Schans-Apparates sowie für die (finanzielle) Unterstützung von benachteiligten Kindern. Zusätzlich gibt es noch ein Büro, das für die Vermittlung von Mini-Jobs an Jugendliche zuständig ist. Und zu guter letzt die Stadteilhäuser, die direkt mit den Jugendlichen arbeiten. Sie sind einerseits Jugendzentrum; das heißt die Jugendlichen und Kinder kommen nach der Schule in die Häuser um sich dort zu treffen, zu spielen, zu basteln etc., andererseits arbeiten die Mitarbeiter auch direkt mit den Schulen zusammen und führen dort Projekte durch.  


Von diesen Häusern gibt es insgesammt drei, wir haben aber bisher erst zwei besucht. Das ältere von beiden liegt in einem sozialen Brennpunktviertel (wurde uns zumindest so dargestellt). Leider (oder zum Glück) liegt dieses Viertel von uns so weit wie nur irgend möglich entfernt. Mit der Marshrutka (Minibus) dauert es bis zu 1,5 Stunden von uns bis nach Kosmolskaja (so heißt das Viertel). Bis jetzt waren wir zwei Tage in diesem Haus. Der Schwerpunkt liegt dort eher im kreativen Bereich. Die Jugendlichen basteln und handwerken viel, üben Theaterstücke und Vorführungen ein. Am ersten Tag waren wir mit der Gruppe bei einem Kontest für Verkehrserziehung, bei dem unterschiedliche Schulen Theaterstücke und Tänze zum Thema Sicherheit im Straßenverkehr aufgeführt haben. Drei Stunden lang tanzende Verkehrsschilder... Aber immerhin habe ich eine neue Vokabel gelernt: светофор - Ampel. 

Herausgeputzte Kinder warten auf ihren Auftritt
Unsere Schans-Gruppe
Die Sieger (Streber...)
Am Samstag waren wir noch einmal in diesem Haus und haben an einem "Intelektuellen Spiel" teilgenommen. Die scheinen hier in Russland recht populär zu sein; wir wurden schon zu dreien eingeladen. Es ist im Prinzip ein Quiz-Wettbewerb, bei dem die Jugendlichen in Gruppen gegeneinander antreten müssen und Fragen beantworten. Da das ganze natürlich auf Russisch abläuft, konnten wir keinen einzige Frage beantworten, aber anscheinend waren wir mit den klügsten Jugendlichen in einer Gruppe, denn wir haben den Wettbewerb gewonnen. Anschließend haben wir den Abend noch mit einigen Mitarbeitern und Jugendlichen dort verbracht. Das tolle ist, dass einige der Jugendlichen dort wirklich ziemlich gut englisch sprechen. Dadurch kann man sogar mal Unterhaltungen führen und muss sich nicht immer nur mit Händen und Füßen verständigen. Während wir so zusammensaßen hatte irgendjemand die "tolle" Idee, uns in die Kostüme aus der Themenwoche "Eskimos und Indianer" zu stecken:
Eskimos in Kosmolskaja (ganz authentisch mit Schee!)






















Freitag, 11. November 2011

Winter in Russland

Zu allererst einmal: Ich habe meine Winterstiefel wieder. Ich habe schon gehört, dass das eines der wichtigsten Themen auf Omas und Opas großer Feier war :)
Anne im Schnee (Im Hintergrund:
Martin aus Bulgarien und
eine
Mitarbeiterin von Schans)

Meine warmen Winterstiefel sind nämlich bei unserem "Umzug" irgendwie in der ersten Wohnung geblieben und es war unheimlich schwierig, den Vermieter irgendwie zu fassen zu kriegen. Aber jetzt habe ich sie wieder und das ist auch echt gut, weil meine Lederschuhe bei dem vielen Schnee, der in den letzten Tagen gefallen ist, ziemlich gefährlich waren. Ich bin praktisch nur ausgerutscht.

Zum ersten Mal geschneit hat es hier am Sonntag und richtig losgegangen ist es am Montag. Das war auch der einzige Tag, an dem der Verkehr mal ansatzweise zum Erliegen gekommen ist. Mittlerweile fährt aber alles wieder, obwohl so gut wie gar nicht geräumt wurde. Yuri driftet mit seinem Auto nur noch in einem atemberaubendem Tempo durch die Kreuzungen. 

Bei der Kleidung stelle ich fest, dass die Russen zwar auch noch wert auf die Mode, vor allem aber auf die Zweckmässigkeit legen. Ja, die Russinen verzichten größtenteils auf Highheels und steigen stattdessen auf wasserabweisende Stiefel um und auch ich fange langsam an die Vorzüge der Müllsackjacken zu erkennen.


Lada im Schnee (Leider kann man auf dem Bild die
Geschwindigkeit nicht erkenen)
Die größte Kälte ist erst einmal vorbei. Am Sonntagabend nachdem die Sonne untergegangen war, waren es -11 Grad, aber in den letzten Tagen war es immer um -3 - -4 Grad und heute waren es sogar nur 0 Grad. Ich werde immer dafür ausgelacht, dass mir schon jetzt kalt ist. Ich soll mich auf -30 Grad einstellen ("Aber so kalst ist es nicht für lange. Nur für zwei oder drei Wochen"...) Allerdings glaube ich, dass die meisten Russen in Deutschland im Winter auch frieren würden. Nicht draußen, dafür aber drinnen! Hier wird nämlich so stark geheizt, dass wohl selbst Anke (meine ständig frierende Tante) ins Schwitzen geraten würde. Und das überall: In Privatwohnungen genauso wie in öffentlichen Gebäuden, wie Schulen oder Universitäten. Man kann die Heizungen auch selber gar nicht regulieren, was dazu geführt hat, dass ich in der ersten Nacht mit weitaufgerissenem Fenster geschlafen habe während nebenbei die Heizung auf Hochtouren lief. So etwas kann sich wohl nur ein ölreiches Land leisten.

Montag, 7. November 2011

It's Russia - expect everything... and nothing

Octi, mein rumänischer Studienfreund, pflegte immer zu sagen: "Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Rumänien ist das Land der unbegrenzen Unmöglichkeiten." Ähnliches könnte man wahrscheinlich auch über Russland sagen. Noch besser trifft es allerdings Martin, mein bulgarischer Mit-Freiwilliger: "It's Russia - expect everything!" Ich füge dann immer in Gedanken hinzu: "...and nothing". 
Wie ich einigen schon geschrieben habe, waren die ersten Tage hier ziemlich chaotisch. Angefangen hat alles damit, dass wir am ersten Tag nach einem Einkauf in unsere Wohnung zurückkehrten und sobald wir den Schlüssel in die Tür gesteckt hatten unsere Nachbarin aus ihrer Wohnung geschossen kam und uns auf Russisch zu-diskutierte. Kevin und ich zogen uns gleich zurück in die Wohnung, Martin, der Russisch spricht, versuchte noch mit ihr zu reden, aber wirklich verstanden, was das Problem ist, haben wir nicht. Allerdings war diese Begegnung jedoch anscheinend ein Anlass für die gute Dame unseren Vermieter zu kontaktieren, der dann wiederum sofort Yuri, unseren Koordinator zu sich zitierte. Unglücklicherweise hatte dieser den Vermieter angelogen um an die Wohung zu kommen. Anscheinend sind russische Vermieter nämlich nicht ohne Weiteres bereit ihre Wohnungen an drei junge Ausländer zu vermieten, selbst wenn die Vermittlung über eine anerkannte städtische Einrichtung geschieht und das Geld von der Europäischen Kommission kommt. Deshalb hat Yuri dem Vermieter erzählt, dass in seine Wohnung ein Ehepaar mit Kind einzieht. Das Ende von der Geschichte ist: Der Schwindel flog natürlich mit Hilfe der netten Nachbarin sofort auf und wir wurden, kaum dass wir eingezogen waren, wieder aus unserer Wohung rausgeschmissen.
Danach waren wir drei Tage obdachlos und haben zunächst zwei Tage bei Yuris Großeltern in einem Dorf (oder Kleinstadt?) in der Nähe von Togliatti übernachtet und dann noch eine Nacht im Wohnzimmer seiner Eltern. Mittlerweile sind wir bei seiner Tante eingezogen, die alleine wohnt und uns als Untermieter aufgenommen hat. Ich weiß aber noch nicht, ob wir auf Dauer hier bleiben. Ludmilla, unsere Gastgeberin, hat sich auf jeden Fall in den Kopf gesetzt uns Russisch beizubringen. Sie sagt immer alles ganz langsam und wiederholt es so lange, bis wir verstanden haben. Insgesammt verstehe ich mittlerweile schon relativ viel russisch, könnte aber noch keinen einzigen Satz bilden.
Abgesehen von der Wohnungsangelegenheit läuft es hier eigentlich ganz gut. Yuri schleppt uns zu allen seinen Aktionen mit, von Sprachenklub über Break-Dance-Training bis hin zu Go-Spielen. Wir waren schon an der Uni, wo wir auch Kurse geben sollen, weil wir offiziell über die Uni eingeladen wurden, und haben mit der Chefin von Schans (dem Jugendzentrum) gesprochen. Und wir haben praktisch jeden Abend Besuch von Yuri und seinen Freunden, die sich meistens nicht vor 1 Uhr Nachts abwimmeln lassen, weshalb sich mein Schlafrhythmus immer noch nicht auf die drei Stunden Zeitunterschied eingestellt hat. Einer von den Freunden ist ein ziemlicher Asien-Freak, machst sämtliche Kampfsportarten und ist total verrückt nach Go, ein Spiel, das die Angewohnheit hat, sich ewig in die Länge zu ziehen. Kevin musste es schon am Abend unserer Ankunft spielen... ich habe mich um sechs Uhr morgens aus der Runde verabschiedet. Mittlerweile durfte ich auch einmal spielen und habe sowohl Martin als auch Kevin geschlagen :)


Etwas grau, aber es war trotzdem schön an der Wolga. Im Winter friert sie angeblich komplett zu!
Togliatti ist die flächenmäßig größte Stadt in der ich jemals gelebt habe. Sie besteht aus zwei Stadtteilen, der alten Stadt und der neuen Stadt, die aber durch einen 5-Kilometer breiten Park/Wald getrennt werden. Ich habe das Gefühl, dass man hier immer mindestens eine halbe Stunde unterwegs ist, bis man irgenwo ankommt. Und leider ist die Stadt auch noch vollkommen fußgängerunfreundlich. Ist wahrscheinlich auch zu kalt um lange Fußmärsche zu machen. Ein richtiges Stadtzentrum gibt es nicht, genausowenig wie alte Gebäude (sprich: älter als 50 Jahre). Das einzige schöne Gebäude, das ich bis jetzt gesehen habe ist eine Kirche. Ansonsten scheint es hier nur Unmengen an Wohngebäuden zu geben. Ab und zu erhascht man allerdings mal einen Blick auf die Wolga und die ist hier wirklich schön. Eigentlich ist es schon gar kein Fluß mehr, sondern eher ein kleines Meer.