Samstag, 28. Juli 2012

Was ich aus Russland mitnehme

Meine letzten Stunden hier in Togliatti sind angebrochen. In 32 Stunden hebt mein Flieger in Samara ab und dann heißt es wohl erst einmal auf unbestimmte Zeit "Auf Wiedersehen Russland" und (so realistisch bin ich) wahrscheinlich für immer "Auf Wiedersehen Togliatti". Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Meine Zeit hier in Togliatti hat sich von zehn auf neuen Monate verkürzt. Nicht etwa, weil ich das so gewollt hätte, sondern aus dem Grund, dass mir ein Monat Visum fehlt und alle, die mir eine erneute Einladung für einen weiteren Monat Visum hätten ausstellen können, nicht sonderlich motiviert waren sich unötige Arbeit aufzuhalsen.
Ich habe versucht die letzten drei Wochen nach dem Camp noch einmal in vollen Zügen zu genießen und möglichst wenig Gedanken auf die Zeit danach zu verschwenden (soweit das geht, wenn man nebenbei nach Stelle Ausschau hält und Bewerbungen schreibt).
Ich bin viel am Strand gewesen, auch wenn die Wolga durch Algen im Moment grüner ist als der Chicago River am St. Patrick's Day. Meine Sonnenbrände sind nicht mehr ganz so extrem; man kann sagen, dass ich etwas Farbe bekommen habe. Zwei mal waren wir in der Datscha einer Freundin eines Freundes. So läuft das hier in Russland: Ich kannte Lena (so heißt die Besitzerin der Datscha) vorher nicht und kam mir ein bisschen wie ein Eindringling vor, also wir zum ersten Mal bei ihr aufgeschlagen sind, aber beim zweiten Mal fühlte es sich schon an wie zu Hause. Die Datscha ist super gelegen - nur ca. 100 m von der Wolga entfernt - und erinnert an ihrer Herausgeputztheit ein Wenig an Deutschland, wenn da nicht die Banja im Garten wäre. Die haben wir dann auch intensiv genutzt. Es gibt nichts Schöneres als aus der Banja direkt in die Wolga zu springen und im Mondschein zu schwimmen.
Grüne Wolga

Zwei Tage lang waren Kevin und ich noch in Kazan. Wir haben es bereits seit unserer Ankunft geplant, aber immer wieder ist etwas dazwischen gekommen; Arbeit, Geburtstage, das Wetter, die eigene Antriebslosigkeit, die Fußball-EM. Um allen Leuten, die Kazan immer für unser Luftschloss gehalten haben, das Gegenteil zu beweisen, haben wir uns dann letztendlich doch auf den Weg gemacht. Sechs Stunden mit dem Bus (im Vergleich zu unseren 14 Stunden Nizhny Novgorod ein Klacks) immer entlang unseres Wolga-Stausees (Togliatti und Kazan bilden die beiden Endpunkte des Kuibyschewer Stausees). Ich habe es glaube ich schon häufiger geschrieben und es ist unvorstellbar, wenn man es nicht selber gesehen hat, aber manchmal hat man das Gefühl, dass das kein Fluss mehr ist, an dem man dort entlangfährt, sondern eher die Ostseeküste oder so. Besonders in der Nähe von Kazan, wo die Kama in die Wolga mündet, blickt man teilweise auf 30-40km Wasser.
Ein letzes Mal Wolga in Togliatti

Kazan ist die Haupstadt der Republik Tatarstan. Nein, das ist kein Hackfleischsteak sondern eine der vielen Russischen Nationalitäten. Die Tataren sind kein Fantasievolk sondern existieren wirklich und in ziemlich großer Zahl. Da die Tataren muslimisch sind, ist auch Kazan mit 70% tatarischer Bevölkerung stark muslimisch geprägt. So konnten wir im Kreml die größte Moschee Europas bestaunen. Es gibt einer Stadt gleich ein anderes Flair, wenn statt Kirchtürmen Minarette in den Himmel ragen. Wir haben ironischerweise die zwei einzigen kalten Regentage seit zwei Monaten für unsere Reise gewählt, aber so war ich wenigstens angemessen gekleidet für unser Moschee-Sigthseeing.
Größte Moschee Europas in Kazan 

Seit drei Tagen bin ich jetzt in den konkreten Rückreisevorbereitungen und auch schon in der Vorbereitung auf das Workcamp, in das ich nach nur einem Tag Pause fahre. Mittlerweile lässt sich nicht mehr leugnen, dass ich Russland bald verlasse und ich kämpfe bis jetzt noch erfolgreich gegen die Melancholie an, die sich einzustellen droht. Wieder alles packen, sich von Dingen und Gewohnheiten trennen, Erinnerungsstücke entsorgen, die jemand mit festem Wohsitz wahrscheinlich 20 Jahre aufbewahren würde, Dinge ein letzes Mal machen, Wege ein letzes Mal gehen (das letzte Mal einkaufen, das letzte Mal Banja, das letzte Mal Wolga). Die Ungewissheit wo es danach hingeht. Und was am Schlimmsten ist: Wieder mal Abschied nehmen von Freunden, die man gerade erst gewonnen hat. Klar, ich habe mittlerweile Freunde auf der ganzen Welt, aber manchmal ist es auch ganz schön Freunde vor Ort zu haben.
Bevor ich jetzt zu sentimental werde lieber auf die schönen Seiten blicken. Ich glaube es war absolut die richtige Entscheidung hier herzukommen. Ich habe Russland ein gutes Stück besser kennengelernt, eine neue Sprache in Ansätzen gelernt und durch meine Aufgaben hier viel dazugelernt.
Bleibt nur noch die Frage zu beantworten, was ich aus Russland mitnehme. Immateriell ziemlich viel. Materiell grenzen mich die Gepäckbeschränkungen mal wieder extrem ein. So bleibt nur Platz für eine Auswahl meiner schönsten Kühlschrankmagneten, zwei Flaschen Wodka und drei Packungen russische Aspirin (nicht gegen den Kater vom Wodka sondern weil die so extrem billig sind: 4 Rubel (10cent) pro zehner-Packung!)

Dienstag, 24. Juli 2012

Russische Frauen

...und ein bisschen auch die russischen Männer

Ich habe diesen Beitrag schon lange geplant, ihn aber immer herausgezögert. Wahrscheinlich hätte ich schon nach einer Woche über das Thema schreiben können, aber dann wäre meine Meinung nicht so differenziert gewesen. Ich hoffe auch jetzt, dass mein Beitrag nicht zu sehr ins klischeehafte abgleitet.
Nach einer Woche war das Thema "Frauen und Männer und Unterschiede" im Kreise unserer drei Freiwilligen brandheiss. Grund dafür: Man schüttelt Frauen in Russland nicht die Hände. (Mittlerweile weiß ich, dass das so nicht ganz stimmt. Bei geschäftlichen Kontakten werden schon die Hände geschüttelt und wenn eine klare Initiative von der Frau ausgeht, darf auch geschüttelt werden)
Was mir bekannt war, hat Kevin gleich am zweiten Tag in sein erstes großes russisches Fettnäpfchen treten lassen. Er hat der Freundin von Sergey (einer unserer ständigen Begleiter der ersten Wochen) zum Abschied die Hand gereicht. Besagte Freundin ist tiefrot angelaufen, hat wechselweise die ausgestreckte Hand und Kevin angeguckt, angefangen zu kichern und ihn dann nach einigen peinlichen Sekunden umarmt (was wiederum Sergey offensichtlich missfallen hat). Danach wurde Handschüttel-Problem bei uns eingehend diskutiert. Kevin konnte es überhaupt nicht fassen, dass Russland da so "rückständig" ist und ich muss zugeben, dass es für mich auch jetzt immer noch befremdlich ist, wenn zum Beispiel in unserem Lingvoclub einige der Jungs ankommen, sich durch den ganzen Raum arbeiten um allen männlichen Teilnehmern plus Kevin die Hand zu schütteln und für mich nur ein leichtes Kopfnicken überhaben. Aber man passt sich ja an Vieles an.
Was meine beiden Mitfreiwilligen nicht so stark wahrgenommen haben wie ich, war dass ich auch abseits des Händeschüttelns immer etwas außen vor war, aus dem einfachen Grund, dass ich die einzige Frau in einer Männerrunde war. Da ich generell etwas schüchtern ruhig bin, mag ich es nicht gerne mich in ein Gespräch zu drängen, und schon ja nicht, wenn man keinerlei Anzeichen macht mich einzubinden. In den ersten Wochen hatte ich nur eine Person (neben Kevin und Martin), die überhaupt von sich aus mit mir geredet hat. Das hat mich echt deprimiert und ist erst besser geworden, als ich angefangen habe mir meinen eigenen Kreis an Leuten aufzubauen.
Nun soll es aber nicht so aussehen, als ob ich ein großes Problem mit russischen Männern hätte. Mittlerweile fühle ich mich in Männergesellschaft sogar wohler, vorrausgesetzt es ist nicht die Sorte dabei, die nicht gerne mit Frauen kommuniziert. Es sind eher die Frauen die mich einschüchtern in Erstaunen versetzten belustigen ... mir fällt keine richtige Beschreibung ein. Irgendwie erfüllen Russische Frauen immer jedes Klischee, was man von ihnen hat.
Um die Sache von hinten aufzuziehen und vielleicht eine Erklärung zu geben, warum russische Frauen sind wie sie sind, muss man wissen, dass das russische Gesellschaftsbild recht starr ist, genaue Rollenvorstellungen hat und einen enormen Druck ausübt - besonders auf die Frauen. Der typische russische Lebenslauf sieht wie folgt aus: mit 17 Schulabschluss und an die Uni (man wohnt weiterhin bei den Eltern), mit 22 Uni-Abschluss, mit spätestens 23 Heirat (um endlich bei den Eltern ausziehen zu können), mit 26 1-2 Kinder, mit 27 Scheidung. Zeit für einen beruflichen Aufstieg bleibt nicht wirklich, ist auch nicht nötig, weil Frau sich ja sowieso um die Kinder kümmert.
Wer nicht in diesen Lebensentwurf reinpasst, der steht unter enormen Druck. Die Torschlusspanik, die deutsche Frauen bekommen, wenn es auf die Menopause zugeht, haben russische Frauen bereits mit 24 Jahren, wenn die Zahl der brauchbaren Männer sich durch Heirat und Alkoholabhängigkeit immer weiter verringert. Glücklicherweise wird der (äußerliche) Alterungsprozess durch diese Lebensweise stark beschleunigt, so dass ich trotz meiner 26 Jahre immer noch gut als Anfang 20 durchgehe (vor kurzem wurde ich auf einem 18 Geburtstag sogar auf 20 geschätzt *hach*).
Dieser Hintergrund erklärt einiges am Verhalten russischer Frauen. Die russische Frau sieht immer perfekt aus. Sie hat kein Übergewicht, schminkt sich (aber nur dezent), trägt hauptsächlich elegante Röcke und Kleider mit High-Heels und hat lange, gepflegte, ungefärbte Haare. Im Winter habe ich mich immer etwas plump gefühlt, wenn ich mit meinen drei Schichten Kleidung und derben Schuhen in den Bus gestiegen bin und mich geärgert habe, dass meine Haare sich trotzt ewiger Föhnprozedur und jede Menge Haarspray gelockt haben, während neben mir eine Russin im eleganten Pelzmantel mit Pelzhut auf perfekt geglätteten Haaren, mit Rock und hohen Stiefeln mit Absatz saß. Jetzt im Sommer ist es etwas besser geworden. Kleider sind mir nicht mehr zu kalt, durch das dauerhafte Schwitzen werden auch die russischen Haare kraus und im Bikini sind die Speckröllchen eher zu sehen als unter dem weiten Pelzmantel.
Die russische Frau ist außerdem die Aktive in der zwischengeschlechtlichen Beziehung. Wenn sie einen Mann will, bekommt der die volle Charmoffensive zu spüren. Es ist immer wieder witzig zu sehen, welchen Effekt ein ausländischer Mann auf einen Haufen russischer Frauen hat; wie dieser eine Mann plötzlich umschwirrt und umgarnt wird.Von außen betrachtet wirkt das ganze immer etwas zu offensichtlich, künstlich und übertrieben; die Russischen Frauen und Mädchen erscheinen mir zudem immer so profan und uninteressant, sodass ich mir immer sage, dass mich das als Mann wahrscheinlich eher abstoßen würde, aber vielleicht hat es einen anderen Effekt, wenn man direkt involviert ist. Ich kenne auf jeden Fall kaum einen Ausländer, der keine russische Geliebte/Freundin hat. Russische Frauen haben international wohl nicht zu Unrecht einen gewissen Ruf.
Unter meinen Freunden und Bekannten hier sind eigentlich nur drei Frauen, mit denen ich viel zu tun habe. Davon ist einen eine Ausländerin, eine die Freundin von Kevin und die dritte ein Hippie-Mädchen und zugleich die einzige Russin, mit der ich das Gefühl habe auf Augenhöhe zu reden.

Samstag, 21. Juli 2012

Essen Teil 5: Russifizierte Geschmäcker

Vor kurzem habe ich festgestellt, dass sich mein Geschmack in den neun Monaten, die ich hier verbracht habe, sehr den russischen Vorlieben angenähert hat.
Wenn ich mir meinen Tee selbst zubereite, ist er zwar immer noch zuckerfrei, aber mittlerweile macht es mir nichts mehr aus den vollkkommen übersüssten Tee oder Kompot in den Kantinen zu trinken. Irgendwie muss man seinen Flüssigkeitshaushalt im Sommer ja aufstocken. Generell kommt mir Süßes in Russland nicht mehr so süß vor wie noch am Anfang. Den Kuchen esse ich mittlerweile echt gerne.
Ähnliches gilt für salzige Lebensmittel. Ich bin ein Fan von eingelegtem Gemüse jeder Art geworden. (OK, eingelegte Wassermelone habe ich noch nicht probiert. Die gibt es nämlich auch!) Gesalzene семечки (semetschki - sonnenblumenkerne) mochte ich schon vorher, aber mittlerweile schmeckt mir auch der gesalzene, getrocknete Fisch, den ich bis jetzt immer abstoßend fand. Was ich wirklich vermissen werde, sind Russische Chips-Sorten. Wenn ich in Deutschland wieder nur die Wahl zwischen Paprika und Paprika scharf und Paprika noch schärfer und Paprika - brennt dir die Zunge weg habe, werde ich mich wohl nach meiner neuen Lieblingssorte "Eingelegte Gurke mit Dill" sehnen. Die schmeckt echt so, als wenn man an einem Glas eingelegter Gurken riechen würde.
Abseits davon habe ich noch einige sonderbare Russiche Angewohnheiten agenommen: Ich bin verrückt nach Sushi geworden! Ich esse meinen Salat mit Mayonaise! Bier ist kein Alkohol sondernein Erfrischungsgetränk! Und dazu muss man immer etwas salziges Essen. Ich habe mich außerdem etwas mit Pilzen und Pfannkuchen angefreundet. Was ich allerdings nie mögen werde ist Kascha - der weder richtig süße noch richtig herzhafte, immer extrem zerkochte haferbrei der hier zum Frühstück Standard ist.
Meine Lieblings Chips-Sorte: Eingelegte Gurke mit Dill

Freitag, 29. Juni 2012

Kinder

Ich habe in den letzten Wochen festgestellt, dass Sprachenlernen für Kinder wirklich Spaß bedeutet. Weder meine Studenten noch die Jugendlichen, die ich in der Schule unterrichtet habe, sind jemals mit solch einer Begeisterung aus meinen Stunden gegangen wie die Kinder, die ich jetzt habe.
Anfang Juni habe ich für zwei Wochen bei einer Art Sommer-Sprach-Schule mitgemacht, die von der Schule angeboten wurde, an der ich das ganze Jahr über unterrichtet habe. Die Kinder haben hier drei Monate Ferien, aber besonders in den ersten Wochen sind sie noch täglich freiwillig in der Schule, weil dort Aktivitäten angeboten werden. Die Sprachenschule wurde von den Fremdsprachenlehrern für Schüler der Schule und Kinder eines benachbarten Waisenhauses angeboten. Jeden Tag drei Stunden in Deutsch, Englisch oder Französisch. Kevin und ich haben mit unterrichtet.
Im Moment bin ich mal wieder im Alliance Francaise Sprachencamp. Im Winter habe ich schon einmal mitgemacht (siehe entsprechenden Beitrag im Januar). Dieses Mal sind es ganze zwei Wochen, die ich unterrichte. Außer mir sind noch Kevin, Zanda und Mael dabei und außerdem zwei Austauschstudenten aus Ghana und ein Franzose. Das Besondere ist, dass dieses Mal noch jüngere Kinder dabei sind, als letztes Mal. Die jüngsten sind sechs Jahre alt und gehen glaube ich noch nicht mal zur Schule. Ich habe eine Schülerin, die jeden zweiten Tag von mir zwei Stunden Einzelunterricht bekommt, weil sie als einzige aus ihrer Gruppe Deutsch als erste Sprache gewählt hat. Sie ist vierzehn und unterhält sich mit mir fließend auf deutsch, obwohl sie erst seit einem Jahr lernt. Ich glaube sie wird von den zwei Wochen echt profitieren.
Der Rest der Schüler spricht gar nicht bis schlecht deutsch, aber das macht nichts, das ich mittlerweile weiß, wie ich mit kompletten Anfängern umgehen muss (Mein Spielerepertoir hat sich ungemein erweitert).
Eine Sache, die mich immer wieder beeindruckt, ist die Schnelligkeit, mit der Kinder neue Sachen aufnehmen. Ich habe, wie gesagt einige sehr kleine Kinder dabei. In meiner ersten Stunde habe ich mein Standard-Programm abgezogen (Ich heiße - Wie heißt du? etc.). Dazu habe ich die Sätze an die Tafel geschrieben, damit die kompletten Anfänger sie ablesen können. Während der Rest der Klasse eifrig abgeschrieben hat, hing ein kleines Mädchen gelangweilt auf ihrem Stuhl herum und hatte noch nicht mal etwas zum Schreiben in der Hand. Und da ist mir plötzlich klar geworden, dass sie wahrscheinlich so jung ist, dass sie noch nicht einmal ihr eigenes Alphabet kann. Ich habe deshalb in der nächsten Stunde ausführlich das ABC behandelt und war stark beeindruckt von den Kindern. Ich selbst habe knapp zwei Wochen lang das russische Alphabet geübt und habe manchmal immer noch Probleme besonders Schreibschrift zu lesen. Diese Kinder lernen praktisch parallel in der Schule ihr eigenes Alphabet und das Lateinische. Als ich gefragt habe, wer das Alphabet kennt und es gerne an die Tafel schreiben würde hat sich sofort ein Mädchen gemeldet, dass dann ein perfektes, sauberes Schreibschrift-Alphabet angeschrieben hat - und sie war acht Jahre alt, geht also erst zwei Jahre zu Schule. Ich weiß nicht wie die das machen, aber ich konnte nach zwei Jahren gerade mal mein Schreibschrift-Alphabet...

Samstag, 23. Juni 2012

Zeitzonen-Wahnsinn

Zeitzonen sind ein Phänomen, das man nur begreift, wenn man unmittelbar davon betroffen ist. Solange ich in Deutschland gelebt habe, wusste ich nicht einmal in welche Richtung ich Stunden dazu- oder abrechnen musste. Mittlerweile stecke ich mitten drin in der Problematik.
Ich wohne am östlichen Rand der Moskauer Zeitzone. Am westlichen Rand liegt St. Petersburg, was ungefähr 2000 km von uns entfernt ist (in ungefähr die Entfernung Hamburg-Madrid). Am Anfang meiner Zeit hier in Russland, im Winter, war ich Deutschland immer drei Stunden voraus, was sehr praktisch war zum Telefonieren, da ich häufig bis zehn gearbeitet habe und dann immer noch bedenkenlos zu Hause anrufen konnte. Dann kam in Deutschland die Umstellung auf die Sommerzeit - und die haben wir nicht mitgemacht. Russen haben mir erzählt, dass es bis vor ein paar Jahren noch Zeitumstellungen gab, die aber abgeschafft wurden. Laut Wikipedia geschah dies, um die Wirtschaftlichkeit des Landes zu steigern. Wieso Sommer- und Winterzeit ein Land unwirtschaftlicher machen ist mir immer noch unklar.
Seit der Zeitumstellung in Deutschland sind wir euch also nur noch zwei Stunden voraus. Das ist wiederum mittlerweile auch ganz schön, da so Fußball nur spät und nicht extrem spät anfängt. Die Spiele beginnen bei uns um 22.45 - ich bin im Moment also nie vor ein Uhr im Bett...
Das Bemerkenswerteste an unserer Zeitzone (und auch der Grund, warum ich den Beitrag Zeitzonen-Wahnsinn getauft habe) ist jedoch etwas anderes. Wir leben wie gesagt am östlichsten Rand der Zeitzone. Das hat zur Folge, dass es hier extrem früh dunkel wird. Um 10, maximal um 11 ist es stockduster. Dafür wird es allerdings auch extrem früh wieder hell. Um drei Uhr geht im Moment die Sonne auf, um vier Uhr ist helllichter Tag. Wenn ich also nach dem Fußball nicht sofort ins Bett gehe, ist es höchstwahrscheinlich hell, wenn ich nach Hause fahre (so wie heute, wo ich nach dem Deutschland-Spiel erst um halb fünf nach Hause gekommen bin). Am letzten Samstag haben wir nach dem Russland-Spiel noch recht lange gefeiert. OK, es gab eigentlich keinen Grund zum Feiern, weil Russland ausgeschieden war, aber es war immerhin Samstag. Als wir um fünf Uhr aus dem Club gekommen sind war strahlender Sonnenschein. Ich habe zum Spaß gesagt, dass wir theoretisch direkt zum Strand weitergehen könnten - meine Mitstreiter haben das allerdings nicht als Spaß aufgegriffen und so sind wir tatsächlich (nach kurzem Umweg zum Badesachen holen) direkt an den Wolga-Strand gefahren. Es war genial! Sonnenschein wie am Tag und ein leergefegter Strand - außer ein paar Frühschwimmern, die uns besoffene Gestalten verwundert bis fasziniert angestarrt haben, war niemand dort. Blöd war nur, dass ich gegen 12 Uhr in der prallen Mittagssonne eingeschlafen bin und deshalb die ganze Woche über mit dem übelsten Sonnenbrand kämpfen musste. Aber das ist zu verkraften für eine Anekdote aus meiner Russland-Zeit, die ich wahrscheinlich noch meinen Enkeln erzählen werde.

Mittwoch, 20. Juni 2012

рок над волгой

Von "Rock nad Wolgoi" wurde uns praktisch seit unserer Ankunft hier in Russland erzählt. Ein Rockfestival, das jedes Jahr in der Nähe von Togliatti stattfindet (eigentlich eher in der Nähe von Samara, aber dass verschweigt der stolze Togliattier). Nur einen Tag lang, aber dafür mit freiem Eintritt und riesig groß. Und als Headliner dieses Jahr dabei: Limp Bizkit! Ich weiß, die haben ihre besten Zeiten lange hinter sich, aber abgesehen davon war das Konzert-Highlight in diesem Jahr bisher der Auftritt der Scorpions in Samara - und die haben ihre besten Zeiten noch viel länger hinter sich.
Wir wussten also wie gesagt schon lange, dass Rock nad Wolga stattfindet, und hatten uns eigentlich auch vorgenommen hinzugehen. Trotzdem haben wir es noch verpeilt und ausgerechnet auf diesen Tag unsere Uni-lecture verlegt. Glücklicherweise hat uns noch rechtzeitig jemand darauf hingewiesen und dank der russischen Flexibilität konnten wir den Termin noch einmal verschieben.
Spontan haben wir auch noch Leute gefunden, mit denen wir hinfahren konnten: Inna und Denis, zwei Teilnehmer aus unserem Lingvoclub, mit denen wir schon öfters was unternommen haben. Um acht Uhr morgens sind wir losgefahren und nach mehreren Stunden zielloser Fahrt mit mehrmahligem Verfahren um 11 Uhr pünktlich zum Beginn angekommen. Meinen Hinweis, dass wir uns irgendeinen Anhaltspunkt suchen sollten, um unser Auto, einen beige-grauen Lada Kalina (wie fast jedes zweite andere Auto), wiederzufinden, wurde übergangen. Man kann wahrscheinlich schon ahnen worauf das nach dem Konzert hinausgelaufen ist...
 Nach ca. einer Stunde Schlangestehen extrem (siehe meine Ausführungen zum Russischen Warteverhalten im vorherigen Artikel) hatten wir es endlich auf das Gelände geschafft. Von meinen Leuten aus Togliatti waren ziemlich viele da, ich habe allerdings nicht alle getroffen, die ich treffen wollte, da das Handy-Netz chronisch überlastet war. Meine Fahrer habe ich gleich am Anfang verloren, dafür habe ich durch Zufall Mael und Zanda (der Franzose und die Lettin) getroffen, mit denen Kevin und ich fast den ganzen Tag verbracht haben. Die beiden waren mit einer Gruppe Schauspieler im Bus gekommen - ein witziger Haufen.
Von den Bands, die aufgetreten sind, kennt man in Deutschland außer Limp Bizkit wahrscheinlich nur noch Garbage und Zaz (die hatte einen großen Radio-Hit im letzten Jahr "Je veux"). Ansonsten waren es russische Bands. Besonders gut haben mir Leningrad gefallen, eine Ska-Band mit Texten, die zu großen Teilen aus Schimpfwörtern bestehen (die verstehe ich mittlerweile).
Was mich etwas überrascht hat, war der Nationalismus, der überall offen zur Schau gestellt wurde. Russland-Flaggen überall un in einer Pause wurde sogar die Nationalhymne gespielt. Aber das liegt wahscheinlich daran, dass das ganze vom Oblast Samara finanziert und organisiert wird und auch noch einen Tag vorm Nationalfeiertag stattgefunden hat. Noch krasser wurde es dann, als Alissa ihren Auftritt hatten. Klingt nach Telenovela, ist aber Altherren-80er-Glam-Rock mit starkem Hang zum Nationalismus. Da wurden dann die Russischen Flaggen von den schwarz-gelb-weißen Zarenreichsflaggen verdrängt.
Laut Zeitungsartikeln waren 306.000 Menschen auf dem Festival. Ich kann große Menschenmengen immer schlecht einschätzen, aber das kann schon hinkommen. Vor allem, weil viele Menschen speziell für ein oder zwei Bands gekommen sind und nicht den ganzen Tag über da waren.
Um 11 Uhr abends hat alles mit Limp Bizkit und Feuerwerk aufgehört. Fred Durst ist grau geworden! Und er hat doch tatsächlich versucht mit dem Publikum auf englisch zu komunizieren. Hat natürlich kaum jemand verstanden.
Irgenwo mittendrin: ich (Bild stammt nicht von mir, sondern aus dem Internet)
 Um 11 war wie gesagt Schluss. Wir sind allerdings erst um halb zwei nach Hause gefahren. Warum? Zuerst einmal hatten wir - Überraschung! - Probleme unser Auto zu finden. Danach haben wir Inna zu Fuß zum nächsten Bahnhof gebracht, da sie nach Samara fahren wollte. Ich habe ja verstanden, dass wir sie nicht alleine im Dunkeln dahin laufen lassen können. Aber der Bahnhof war vier Kilometer vom Festivalgelende entfernt. Nachdem ich schon den ganzen Tag durch die Gegend gelaufen bin, waren die acht kilometer hin und zurück der reinste Höllenmarsch. Danach sind wir, obwohl wir fast die letzten waren, die das Gelände verlassen haben, noch in einen Stau gekommen. Letztendlich waren wir um vier Uhr wieder zu Hause.

Samstag, 16. Juni 2012

Das Mekka der Ineffizenz

Ich hatte mich lange davor gedrückt diese eine Sache zu erledigen. 

Nein, es geht nicht um Bewerbungen schreiben, Zimmer aufräumen, Sport treiben. Es geht um Postkarten. Genauer gesagt um zwei Postkarten nach Deutschland, die ich geschrieben habe, während mein Bein in Gips war, und die jetzt schon geraume Zeit darauf warteten in den Briefkasten geworfen zu werden. Das einzige was sie noch von ihrem Ziel trennte war der Gang zur Post um Briefmarken zu kaufen.
Eigentlich liebe ich Post. Nicht die Deutsche Post als Institution sondern Post im allgemeinen - die schönen Briefmarken, die freudige Erwartung beim Briefkasten öffnen, das Einwerfen in den Briefkasten und die Vorfreude beim Öffnen eines Paketes oder Briefes. Deshalb bin ich jetzt auch selbst ein bisschen überrascht, dass ein einfacher Besuch auf dem Postamt mich so viel Überwindung kostet.

Das größte Problem bei einem Postbesuch in Russland ist, dass man immer unendlich viel Zeit einplanen muss. Man betritt den Raum und sieht ungefähr 7-10 Menschen, die scheinbar durcheinander
herumstehen. In Wahrheit warten sie, ich habe nur noch nicht verstanden nach welchem Prinzip. Grundsätzlich gilt beim Warten in Russland das Prinzip "Dreist Gewinnt". Ich kann noch so lange auf einen Bus gewartet haben; wenn die Frau, die gerade vor einer Minute gekommen ist, dreisterweise vor mir einsteigt, bin ich die die stehen oder draußenbleiben muss. Im Supermarkt kommt es häufig vor, dass "Sie" mit einer Flasche Wasser in der Schlange steht und "Er" kurz vor der Kasse mit einem voll gefülltem Einkaufswagen an den Wartenden vorbeigeht und zu ihr aufschließt. Ich habe mich mittlerweile schon daran gewöhnt meine Ellenbogen gekonnt einzusetzen und meinem Vordermann immer so dicht aufzurücken, bis ich mit der Nase fast seinen Rücken berühre. Der einzige Ort, an dem diese rücksichtslosen Prinzipien zu meiner Erleichterung nicht gelten ist die Poliklinik. Hier wird zuerst behandelt, wer zuerst da war.
In der Post kommt zu den üblichen Warte-Problemen hinzu, dass es mehrere Schalter gibt, an die sich die Menschen von mehreren Seiten randrängen. Es ist schon häufiger vorgekommen, dass ich direkt am Schalter stand und dann kurz vorher noch jemand von links kam und vordrängelte.
Bis jetzt ist mir ein Rätsel geblieben, womit die Postangestellten den ganzen Tag verbringen. Meistens sieht man 5-6 durch die Gegend laufen, aber nur zwei davon sitzen an Schaltern. Diese schreiben unablässig etwas oder stempeln - keine Ahnung was. Selbst wenn ich nur Briefmarken kaufe wird erst mal jede Menge geblättert, geschrieben, getippt. Da man bei der Russischen Post alles erledigen kann - von Rente abholen, über Handy aufladen bis hin zu Waschmittel einkaufen, sind die Postangestellten dauerhaft beschäftigt ohne wirklich effizient zu sein.

Meine Postkarten bin ich letztendlich doch noch losgeworden. Beim Briefmarken kaufen bin ich mit einer 10cm-Highheel-Russin aneinander geraten, die auf die gewohnte Art vordrängeln wollte. Mit gekonntem Ellenbogeneinsatz und einer guten Portion Stutenbissigkeit (dafür reicht mein Russisch mittlerweile schon aus) habe ich jedoch meinen Platz verteidigt und dann lieber gleich zehn Briefmarken auf Vorrat gekauft.

Heute musste ich dann allerdings schon wieder zur Post, weil mein Paket angekommen ist. Zum Glück war es relativ leer und aufgrund der Klimaanlage wäre ich sogar gerne noch länger geblieben.
Das mit der Schokolade war keine so gute Idee. Alles andere ist allerdings wohlbehalten angekommen. Vielen Dank!

Sommer und Fußball

Togliatti - 14 Uhr an einem Tag im Juni. Die Luft steht, genauso wie die Marshrutka. Draußen bewegen sich die Menschen gequält über den schmelzenden Asphalt, immer vom einen Schattenplatz zum nächsten sofern dieser nicht schon von einer Horde Straßenhunde belegt ist, die selbst das Hecheln eingestellt haben und wie tot auf dem Boden liegen. Babuschkas mit Strohhut und Kittelschürze - junge Mädchen in shorts und tops - Männer, die nur noch die nötigsten Kleidungstücke tragen (nicht immer ein schöner Anblick).
In der Marshrutka wischt sich die ältere Frau neben mir unablässig den Schweiß mit einem Taschentuch aus dem Gesicht. Ich hätte auch gerne so ein Tuch, denke ich während ich spüre das meine nackte Haut lansam eine Verbindung mit dem Kunstleder der Sitzüberzüge aufbaut. Ein kleiner Junge hat den Kopf zum Fenster rausgehängt. Dann geht es los: Zehn Meter Fahrt - ein Luftzug - Erleichterung. Nur um kurz darauf wieder im Stau zu stehen.
Hier in Togliatti ist jetzt endgültig richtiger Sommer, nachdem der Frühling eigentlich auch schon an den deutschen Sommer herangekommen ist. Tagsüber sind es weit über 30°, nachts kühlt es höchstens auf 20° ab. Arbeiten ist die Hölle, besonders in der Universität, wo die deutsche Fakultät im achten Stock liegen. Selbst der Weg zum Strand ist zu anstrengend. Leider ist ein Besuch an der Wolga immer mit jede Menge Berg- oder Treppe steigen verbunden, da sie tiefer gelegen ist, als die Stadt. Runter gehts, aber hoch ist anstrengen.
Ich sitze also in meiner freien Zeit zu Hause rum und versuche möglichst wenig schweißtreibende Aktivitäten zu betreiben und gleichzeitig meinen Wasserhaushalt auszugleichen. Anfangs habe ich noch ständig geduscht, aber mitlerweile habe ich mich auf höchstens zwei Mal pro Tag beschränkt - es stinkt eh jeder.
Abends bricht dann immer meine Zeit an - Fußballzeit. Aufgrund der Zeitverschiebung fangen die früheren Spiele bei und um 20 Uhr an, die späteren um 22.45 Uhr. Die Späteren verpasse ich also nie. Meistens gucke ich mir die Spiele zusammen mit Mael an, Franzose, der für die Alliance Francaise arbeitet und in Sachen Fußballverücktheitheit an meine Familie zu Hause rankommt. Um uns hat sich mitlerweile ein ganz illustrer Kreis an Leuten gebildet, die ab und zu mitgucken - ein Portugiese, eine Dänin, diverse Russen, von Zeit zu Zeit Kevin. Das zweite Russland-Spiel haben wir in einer Bar gesehen. Zum Eintritt gab es kleine Russlandfähnchen geschenkt und für jedes Russische Tor 50ml Wodka - sind dann ja leider nicht so viel geworden. Man konnte seinen Tipp für den Spielausgang auf einer Tafel angeben. Niemand hat auf Niederlage Russland gesetzt, die meisten auf Kantersiege. Ich habe noch nie auf so sonderbare Art Fußball gesehen. Die Bar hatte extra einen Kommentator eingestellt, der mit Mikrofon die Fans angeheizt hat. Während der russischen Hymne haben alle mit stolzgeschwellter Brust mitgesungen, während der polnischen Hymne hat dann der Kommentator blöde Witze losgelassen. Nach dem 1:0 war Russland schon gefühlt Europameister. (Russland ist eh am besten in allem - das wissen die Russen auch - diese Titelgewinne sind nur dazu da, dass es die anderen auch begreifen). Nach dem Ausgleich kammen dann zunehmend leicht-rassistische Bemerkungen über Polen. Unentschieden war wahrscheinlich das beste Ergebnis für dieses Spiel. Heute gehts für das Spiel wahrscheinlich wieder in die gleiche Kneipe. Dieses Mal kann Russland ruhig gewinnen, weil Wochenende ist und ich danach gut feiern kann.

Samstag, 26. Mai 2012

Meine Wohnung

Auf vielfachen Wunsch kommen heute mal ein paar Bilder aus meiner Wohnung. Dafür nicht ganz so viel Text, weil die Bilder schon für sich selbst sprechen:
Unsere Küche: So klein, dass jeder Platz genutzt werden muss und nicht mehr als eine Person zur Zeit arbeiten kann

Die Toilette: Extra Raum vom Bad getrennt, was eigentlich recht praktisch ist, allerdings direkt neben der Küche (welcher Architekt hat das entworfen?!?). Sie ist so klein, dass ich jetzt mit ausgestrecktem Gipsbein die Tür nicht mehr schliessen kann.

Der Flur: Gibt es nicht viel zu zu sagen. Rechts im Bild zu sehen: Die erste Tür mit doppeltem Schloss
Und hier die zweite Tür mit doppeltem Sicherheitsschloss

Mein Zimmer: Ist schierig in seiner Gänze zu fotografieren, weil die Tür nicht komplett aufgeht. Sie wird blockiert durch den riesigen Schrank, der links im Bild nicht zu sehen ist. Rechts ist noch mein Schreibtisch, den ich allerdings nicht als solchen benutze, weil in meinem Zimmer, wie man vielleicht daran erkennt, dass ich meinen Koffer als Kleiderständer benutze, akuter Ablage-Notstand herrscht. Mein Bett/Sofa ist normalerweise übrigens nicht so vollgepackt. Aber jetzt mit Gipsbein habe ich gerne alles in Greifweite.

Und zuletzt das Bad: Der Wasserhahn ist aus russischem Leichtbau-Alluminium und ich hab ihn schon zwei mal kaputt gemacht. Die Knopfe für heißes und kaltes Wasser sind genau vertauscht, was am Anfang einige Male für unangenehme Überraschungen gesorgt hat. Das Wasser kommt hier nämlich gefühlt kochend heiß aus der Leitung, deshalb sollte man immer zuerst das kalte Wasser anmachen und dann langsam mit warm aufwärmen. Rechts ist übrigens die zweite Waschmaschine. Die erste Hauptwaschmaschine steht in der Küche. Diese hier ist unbenutzt und dient als Kommode. Warum man in einer so kleinen Wohnung kostbaren Platz durch eine ungenutze Waschmaschine vergeudet, ist mir ein Rätsel, aber wahrscheinlich wegen dem Ablageplatzmangel (siehe mein Zimmer)


Mittwoch, 23. Mai 2012

Reisen

Ich habe im Moment viel Zeit zum Schreiben, weil der Arzt in der Poliklinik in meinem Block beschlossen hat, dass mein Knie am besten dann heilen kann, wenn ich es gar nicht mehr bewegen kann. Deshalb ist mein halbes Bein jetzt von einer Gipsschiene umschlossen, die 10 cm über dem Knöchel beginnt und auf der Hälfte des Oberschenkels reicht, und mein Bein stabilisieren soll. Na ja, wenigstens sind die Temperaturen jetzt wieder auf 20° gefallen und ich schwitze nicht.
Da ich selbst so immobil bin, habe ich beschlossen über ein mobiles Thema zu schreiben: Reisen.
Im April und Mai bin ich recht viel rumgekommen und habe dabei alle Fortbewegungsformen mitgenommen, die Russland zu bieten hat. Das einzige, was ich nicht gemacht habe und was ich wohl auch in Zukunft nicht machen werde, ist per Anhalter reisen. Auf unserem mid-term meeting haben die anderen Freiwilligen wieder mit einem Leuchten in den Augen von ihren Autostop-Erlebnissen geschwärmt, als wenn es die einzige Forbewegungsform wäre. Aber das waren auch alles noch sehr junge Menschen, die außer ihrem Schulabschluss noch nicht viel abenteuerliches erlebt haben. Und die meisten von ihnen haben in ihren Projekten nicht wirklich viel zu tun und deshalb viel Zeit zum ausgedehnten Reisen. Mir ist für so eine unkalkulierbare Art des Reisens meine freie Zeit einfach zu kostbar.
Der Faktor am Reisen in Russland, den ich am Anfang nämlich unterschätzt habe sind die Entfernungen und die damit verbundene Zeit. Die einzige Großstadt in Tagesausflugsnähe ist für uns Samara (1,5-2 std), allerdings war ich dort schon mehrmals, weshalb es mich nicht mehr so sehr reizt. Samara ist weder eine besonders schöne noch eine besonders spektakuläre Stadt, allerdings gefällt mir das Flair, besonders jetzt im Frühling/Sommer: Die Innenstadt ist eingeschlossen zwischen zwei Flussarmen, es gibt mehrere Stände direkt in der Stadt und es herrscht fast ein bisschen Mittelmeerfeeling.
Sammelabteil im Zug
 Ende April waren wir in Nizhny Novgorod bei unserem mid-term training. Das müssen alle Freiwilligen absolvieren, die länger als sechs Monate in ihren Projekten arbeiten. Es war ganz entspannt. Die meisten Leute kannte ich schon vom Training im November und es war ganz schön mal alle wieder zu sehen. Der Großteil der anderen kam aus Moskau und St. Petersburg und hat Nizhny Novgorod schon als Reise ins "wahre Russland" begriffen - die sollten mal nach Togliatti kommen... Nizhny Novgorod ist eine Millionenstadt und recht schön herausgeputzt mit Kreml und hübschem Pflaster in der Innenstadt. Wir sind dort hin mit dem Bus gefahren, weil es von Togliatti aus keine direkte Zugverbindung gab. 14 Stunden pro Fahrt und es war beide Male die Hölle. Busse sind ja von Natur aus nicht die bequemsten Reisemittel: Man kann sich nicht richtig ausstrecken, schläft deshalb gar nicht oder in unmöglichsten Positionen, man wagt nicht etwas zu trinken, weil man nie weiß, wann der nächste Toilettenhalt kommt, und durch die Gegend laufen kann man auch nicht. Hinzu kommt, dass die Straßen in Russland nach dem Winter in einem katastrophalen Zustand waren, selbst auf den Hauptverkehrswegen. Teilweise sind wir kilometerweit nur im Schrittempo gefahren und die tiefen Schlaglöcher haben auch nicht dazu beigetragen, dass ich besser geschlafen habe. Kurzum, ich war froh, als ich wieder in Togliatti war und dass ich die nächste große Reise mit dem Zug und dem Flugzeig absolvieren konnte.
Heißes Wasser aus dem Samowar gibts immer umsonst...
 Im Mai bin ich für eine Woche in Deutschland gewesen und für diese eine Woche habe ich jeweils mehr als 30 Stunden Reise auf mich genommen: Mit dem Bus von Togliatti nach Samara, von dort aus mit dem Zug nach Moskau und von dort aus wiederum mit dem Flugzeug nach Hamburg. Ich wollte Geld sparen und habe deshalb den Flug nur ab Moskau gebucht, aber weil ich zu lange gewartet habe und den Feiertag (Tag des Sieges über Nazi-Deutschland) nicht mit einberechnet habe, war die Zugreise auch unerwartet teuer.
...genauso wie einen tollen Ausblick (hier die Wolga)
Ich habe im Internet gebucht, was überraschend problemlos funktiniert hat. Das Tolle am Zugreisen in Russland ist, dass man im Zug schlafen kann - in richtigen Betten. Ich bin im Sammelwagon gefahren. Dort liegen sich in kleinen Abteilungen jeweils zwei mal zwei Betten gegenüber und auf der anderen Gangseite noch einmal zwei. Das ganze neun Mal macht 54 Betten pro Wagon. Die Sitze sind tagsüber Lederbänke, nachts werden die Matratzen und Kissen aus den hohen Ablagen geholt und die Betten zurechtgemacht. Es ist nicht die beste Art, die Nacht zu verbringen, aber die beste auf Reisen.
Angst um sein Reisegepäck muss man nicht haben. Es gibt für jeden Wagon einen Zugbegleiter, der beim Einsteigen die Pässe aller Reisenden kontrolliert. Es kommt also nur in den Zug, wer auch wirklich ein Ticket hat. In jedem Zug soll es einen Speisewagen geben, der angeblich sogar richtig gutes Essen anbietet, aber ich habe mich bis jetzt immer selbst versorgt. Heißes Wasser gibts im Zug auch immer umsonst.
Über das Fliegen in Russland gibt es nicht viel außergewöhnliches zu vermelden, außer dass der Flughafen Domodedovo in Moskau der best überwachteste ist, von dem aus ich je geflogen bin. Das Gepäck wird schon beim Betreten des Flughafengebäudes durchleuchtet und es gibt die umstrittenen Nacktscanner.
Der kasaner Bahnhof, auf dem ich immer ankomme
Noch mal von außen
In Moskau, wo ich auf der Hinfahrt 6 Stunden absitzen
musste, war leider alles abgesperrt
Wegen der Paraden zum Tag des Sieges am 9. Mai

Montag, 21. Mai 2012

Nachtrag

Noch ein kleiner Nachtrag zum letzten Artikel: Angeblich habe ich riesiges Glück gehabt, dass nichts schlimmeres passiert ist. Laut Anton brechen sich nämlich normalerweise Leute, denen so etwas passiert, das Bein. Absurd, dass man im Zusammenhang von Leuten, die durch Gullydeckel brechen, überhaupt von "Normalfällen" sprechen kann.

Bloody Sunday

Ich habe lange nichts mehr geschrieben und das hat Gründe. Zum einen war ich für eine Woche in Deutschland. Inklusive Reisezeit war ich insgesamt zehn Tage nicht in Togliatti und hatte deshalb auch nicht viel aus Russland zu berichten. Zum anderen ist hier jetzt wirklich Sommerwetter und ich verbringe jede freie Minute draußen, wo das Schreiben am Laptop etwas schwer fällt.
Heute war auch so ein Tag: Im Museum, in dem wir einen unserer Englisch-Clubs veranstalten, war "Museum Picknick". Dabei wird die gesamte Straße vor dem Museum abgesperrt, es gibt Konzerte, Kunstausstellungen, Tanzvorführungen und alle sozialen Institutionen, Vereine und Initiativen stellen sich vor. Alles in Allem ein echtes Event in einer kulturell eher armen Stadt wie Togliatti. Wir haben im Winter selbst zum Winter-Museumspicknick beigetragen, diesmal waren wir allerdings nur als Gäste dabei. Wir haben uns alles angeguckt, mit Bekannten geredet (mitlerweile habe ich das Gefühl, dass ich egal, wo ich hingehe, immer bekannte Leute treffe) und entspannt in der Sonne gesessen. Der Titel des Eintrags (der übrigens Kevins Idee ist) deutet vielleicht schon an, dass es nicht so harmonisch geendet hat.
Am Nachmittag habe ich mich gemeinsam mit Martin, Kevin und Anton, einem russischen Freund, auf die Suche nach einem Cafe gemacht. Wir waren in der alten Stadt, einem Stadtteil, in dem wir uns nicht so gut auskennen, und sind deshalb etwas orientierungslos durch die Gegend gelaufen. Und dann ist eine meiner größten Ängste wahr geworden. Meine Rumänien-Mitstreiter werden sich vielleicht daran erinnern, dass ich immer einen gewissen Vorbehalt gegenüber der Stabilität von Metall hatte - egal ob als Brücke, Gullydeckel oder Kellerlochabdeckung, alles erscheint mir immer rostig und kurz vorm Einbruch zu stehen.
Das mit dem Einbruch hatte der Gullydeckel, mit dem ich heute Bekannschaft gemacht habe, schon hinter sich (das einzige Tröstliche, sonst hätte ich mich wahrscheinlich noch fett gefühlt). Er bestand aus mehreren senkrechten Metallstreben, die in der Mitte von einer waagerechten Strebe stabilisiert wurden. Eine halbe senkrechte Stange war herausgebrochen. Kein großes Loch, aber groß genug, dass mein Fuß reingepasst hat und ich bis über das Knie drin versinken konnte. Mein erster Gedanke: "Du hast dir jetzt entweder das Bein gebrochen oder sämtliche Bänder gerissen." Der zweite Gedanke hat mir dann allerdings gesagt, dass sich mein Bein relativ unversehrt anfühlt. Deshalb habe ich auch alles daran gesetzt meine motivierten Retter, die mich dem Loch entreißen wollten, von ihrem Vorhaben abzuhalten, weil ich das Gefühl hatte, dass sie vollenden könnten, was das Loch nicht geschafft hat. Ich habe mich also selbst vorsichtig befreit. Ich stand so unter Strom, dass ich keine Schmerzen gespürt habe, allerdings hat mich der Anblick meiner eigenen Beine in eine Art Schockzustand versetzt: Staubig, blutverschmiert, überall Abschürfungen und das rechte Knie hatte der Rest der abgebrochenen Eisenstange aufgerissen.
Glücklicherweise bin ich nicht alleine unterwegs gewesen: Martin, immer gut ausgerüstet, hat mir Papierservietten gegeben, die ich mir aufs Knie halten konnte. Es hat zwar nicht stark geblutet, aber immerhin musste ich es mir so nicht mehr ansehen. Kevin hat mich beruhigt und mir immer wieder eingeredet, dass das im Knie wirklich nur eine Fleischwunde ist und ich mir nicht die Kniescheibe aufgeritzt haben kann, weil die noch tiefer im Knie liegt. Und Anton hat den Weg zum nächsten Krankenhaus herausgefunden. Ein Autofahrer hat angehalten und mich zum Krankenhaus gefahren. Eigentlich war die Krankenhaus-Erfahrung eine, die ich mir immer ersparen wollte, aber jetzt ließ es sich ja nicht mehr vermeiden. Und so schlimm war es dann doch nicht. Das Gebäude war typisch für russische staatliche Einrichtungen: etwas herungergekommen, spärliche Einrichtung, schiefe Holztüren, alte, doppelte Fenster, dunkle Flure. Auf dem Weg zum Behandlungszimmer bin ich ausversehen ins "Eingips-Zimmer" gelaufen und war erneut froh, dass ich mir nichts gebrochen habe. Im "OP-Saal", in dem ich behandelt wurde, war wirklich nichts außer einer klapprigen, viel zu hohen Liege und einem Scheinwerfer. Meine Schuhe musste ich ausziehen, meine Begleiter mussten draußen bleiben und auf den OP-Tisch wurde ein (hoffentlich) steriles Tuch ausgebreitet. Das war es dann allerdings schon mit den Hygienemaßnahmen. Vom Gang her konnte jeder in das Zimmer gucken, weil die Tür nicht richtig geschlossen hat, und während ich auf dem Tisch lag und es nicht gewagt habe, in Richtung Knie zu schauen, konnte ich die Falter um die Lampen schwirren sehen.
Überlebende des russichen Gully-Lochs
Was mich allerdings etwas beruhigt hat, war das Krankenhauspersonal. Die Rezeptionsfrau war für russiche Verhältnisse außergewöhnlich freundlich und schnell und hat sich mit meiner Visums-Kopie als Dokument zufrieden gegeben (alle anderen Dokumente sind bei Registrierungsbehörde, weil ich ja gerade erst wieder in Russland bin). Die Krankenschwester hat gelächelt und beruhigend auf mich eingeredet. Und der Arzt wirkte vertrauenswürdig, weil er alt genug war um seine Ausbildung noch in der Sowjetunion abgeschlossen haben zu können (aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, dass die Mediziner-Ausbilung in den sozialistischen Staaten ziemlich gut war) und noch nicht so alt, dass er schon blind und zittrig ist.
Ich habe wie gesagt nicht gewagt den Arzt bei seiner Arbeit zu beobachten und aufgrund der Betäubung habe ich auch nichts mitbekommen außer eines unangenehmen Zerrens und Drückens. Kevin, der vom Flur aus reinschauen konnte, hat mir bestätigt, dass mein Knie genäht wurde.
 Mittlerweile ist es Nacht, Russland ist Weltmeister im Eishockey, vor meinem Fenster wird gefeiert, die Betäubung ist verklungen und die Schmerzen sind spürbar. Das Knie scheint, nach dem zu urteilen, was unter dem Verband hervorschaut, blau und geschwollen zu sein, die Abschürfungen brennen. Ich soll täglich zur Nachuntersuchung ins mein nächstgelegenes Krankenhaus. Anton wird mich begleiten, wenigstens morgen. Etwas frustiert bin ich, weil mir dieses Knie jetzt den Start in den den Sommer versaut, aber immerhin bin ich um eine Erfahrung reicher.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Die hübschesten Straßenhunde der Welt

Straßenhunde sind eigentlich kein erfreuliches Thema sondern in der Regel eher ein "Problem" für die Städte in denen sie leben. In Togliatti ist das genauso. Es gibt wirklich sehr viele Straßenhunde (im Vergleich mit anderen Städten, in denen ich schon gewesen bin). Allerdings leben in Togliatti echt die schönsten, zutraulichsten, friedfertigsten Straßenhunde. Ich vermute, dass hier häufiger mal Hunde ausgesetzt werden, die zu groß für die Wohnung geworden sind. Das würde erklären, warum sich noch nicht der typisch darwinistische Straßenhundschlag durchgestetzt hat (stämmiger Körper, kurze Beine, übergroßer Kopf).
Am letzten Sonntag saß ich mit Freunden am Wolga-Ufer und habe das Sommerwetter genossen. Dabei hat sich Zanda, eine Freundin von mir, in einen Straßenhund verliebt. Kniehoch, lebhaft, braun-schwarzes Fell, lustige Schlappohren und einen kleinen Gehfehler (die Hinterbeine hatten einen leichten links-drall). Mael, ihr Freund, musste sie echt davon abhalten ihn mit nach Hause zu nehmen. Ich habe dann von meiner Mitbewohnerin in Rumänien erzählt, die wir immer davon abhalten mussten jeden noch so hässlichen Hund mitzunehmen - bis sie sich einen Hamster gekauft hat. Sorry Tine, dich kennt man jetzt hier :)
Zanda hat den Hund letztendlich natürlich doch nicht mitgenommen. Und zwei Tage später war es dann um mich geschehen: Dann habe ich nämlich Thekla vor unserem Magnit-Supermarkt gesehen. Thekla war der Hund von meiner Tante und der liebste Hund, den ich je gekannt habe. Ich dachte immer so einen Hund kann es nur einmal geben. Leider ist sie vor einigen Jahren gestorben - oder vielleicht doch nicht, sondern nur nach Russland ausgewandert? Auf jeden Fall war Thekla 2 total zutraulich und hat sich sogar streicheln lassen.
Thekla in Togliatti

Montag, 16. April 2012

Leben in der Chinesischen Mauer

Ich habe in meinen früheren Beiträgen ja schon mal anklingen lassen, dass Togliattis Baustil nicht sonderlich ausgefallen ist. Freundlich könnte man das ganze in etwa so ausdrücken: Neo-Kommunistischer Baustil verleiht der Stadt den Flair der 60er und 70er Jahre. Nicht so freundlich klingt es dann eher so: Die Stadt ist eine industrielle Planstadt, die aus Plattenhausblöcken besteht, in denen alle Häuser gleich aussehen.
Das Haus, in dem ich lebe, weicht vom Stil her nicht von den anderen Gebäuden ab. Es ist allerdings riesig laaaaaaaaaaannnnnnnnnngggggg. Ich bin nicht besonders gut im Distanzen einschätzen, aber ich würde es auf ca. 200-300m taxieren. Meine Anhaltspunkte dafür sind folgende:
  • entlang des Hauses finden eine Schule, ein Kindergarten, ein Spielplatz, ein Sportplatz und eine Eislauffläche Platz finden
  • an mehreren Stellen ist das Geäude über die Straße gebaut bzw. die Straße führt durch das Gebäude
  • Wir wohnen in der 465. Wohnung im 14. Eingang - und wir liegen irgendwo in der Mitte
Man kennt das Haus in unserem Block auch als die Chinesische Mauer (kein Scherz!). Ich weiß zwar nicht, ob man es aus dem Weltall aus erkennen kann, aber auf Karten oder in google earth hat man keinerlei Probleme es zu erkennen. Noch eine interessante Sache ist, dass das Haus praktisch eine klimatische Grenze bildet. Auch das ist wieder kein Scherz! Mein Fenster liegt zu Süd-Südost Seite hinaus, wo die Sonne den ganzen Tag über scheint. Der Eingang liegt in Richtung Norden. Hier kommt die Sonne nie hin und das Haus wirft dazu noch einen großen Schatten. Während es also auf der einen Seite vollkommen warm und trocken ist, ist die Straße auf der anderen Seite noch im Wasser versunken und es finden sich noch vereinzelte Schneereste (und das trotz drei Wochen Tauwetter und zuletzt tagelang 20° und Sonnenschein).
Unser Block ist im übrigen glaube ich ein ziemlicher Assi-Block. Schon im Winter sind uns die Werbekampagnen gegen Drogen- und Alkoholkonsum aufgefallen und unsere Gasttante hat immer von den наркоман (Narkoman = Drogenabhängiger) gesprochen, vor denen wir uns in acht nehmen sollen. Im Winter hat man von denen nicht so viel mitbekommen, aber je wärmer es wird, desto mehr begreife ich, was sie gemeint hat. Aber zur Beruhigung von Oma, Papa und allen anderen, die jetzt wahrscheinlich wieder Angst um mich bekommen: Ich wohne sicher! Die Haustür ist mit einem elektronischem Sicherheitsschloss gesichert (so eines, wie wir es zuletzt auch in Rumänien hatten). Auch Wohnungstür hat so ein Schloss, wie in Rumänien (vier dicke Bolzen) - und das ist nur das eine Schloss: darunter ist noch ein zweites Schloss mit dickem Metallriegel. Und das war wiederum nur die eine Tür: nach ca. einem halben Meter kommt die zweite Tür, auch noch mal mit schwerem Schloss. 


Noch eine kleine Bemerkung aus der Reihe: Morgen sollen es 25-27°C werden! Summer Feeling! Ich laufe schon seit Tagen im T-shirt rum und erwarte sehnlichst den Mai, in dem ich endlich meine Sommerkleidung hier her schaffe.

Mittwoch, 11. April 2012

Frühling? Fehlanzeige!

Nach dem heutigen Tag bin ich fest davon überzeugt, dass es in diesem Land nur zwei Jahreszeiten gibt: Winter und Sommer.
Bis vor drei Wochen habe ich noch geglaubt, dass der Winter nie vorrüber gehen wird. Meterhoher Schnee und zehn zentimeter breite festgetrampelte Eisflächen überall, einmal pro Woche 10-15 cm Neuschnee und  Temperaturen, die seit Dezember die Null-Grad-Grenze nicht mehr überschritten haben. Doch dann fing es tatsächlich an zu tauen. Zuerst nur, weil die Sonne so stark geschienen hat, dass der Schnee trotz Minusgraden geschmolzen ist, doch bald waren es tagsüber 2-3 Grad. Die Schneemassen sind geschmolzen - zuerst langsam und dann immer schneller. Zwei Wochen lang war die Stadt ein einziger Teich, weshalb ich 450 Rubel  (ca. 10 Euro) in ein Paar wunderschöne, runtergesetzte Kindergummistiefel (die Vorteile von Schuhgröße 38) investiert habe.
Der Teich vor unserer Haustür

Und mit dem schmelzenden Schnee habe ich eine neue Stadt entdeckt. Eigentlich kenne ich Togliatti gar nicht ohne Schnee. Fünf Tage nach dem wir angekommen sind, hat es das erste Mal geschneit und seitdem ist der Schnee nicht mehr getaut. Auf einmal kommen Gehwege zum Vorschein, wo ich nie welche erwartet hätte, Bänke, die Unter dem Schnee begraben waren, die Umrandungen von Gärten neben den Häusern und Auf dem freien Feld neben unserem Haus ist eine Rennbahn. Es ist aber leider auch der Dreck von einem halben Jahr wieder zum Vorschein gekommen. Kaputte Flaschen, der Lehm, der im Winter auf das Eis gestreut wurde, Müll, Äste, die dem Schnee nicht standgehalten haben, Zigarettenkippen und Unmengen an Hundescheiße. Die Straßen sind aufgeplatzt und mit Schlaglöchern überseht, die Asphaltbrocken liegen in der Gegend verteilt herum.  In den nobleren Vierteln der Stadt ist der Dreck mittlerweile schon geräumt worden. Die nicht so noblen Viertel, zu denen unseres anscheinend zählt, gleichen einem Kriegsschauplatz - grau, trostlos und mit Trümmern überseht.

Mit meinen neuen Gummistiefeln im Scheematsch
Aber jetzt dazu, wie ich darauf komme, dass es hier keinen Frühling gibt. Bis zur letzten Woche war es hier wirklich winterlich. Zwar hat es tagsüber getaut, aber nachts ist es noch bis zu -10 grad kalt geworden. Seit Mitte letzter Woche hat es nicht mehr gefroren und heute waren es plötzlich über +20°! Die Vögel haben geschwitzert, die Leute sind luftig bekleidet durch die Straßen flaniert und als ich Abends um 9 nach Hause gekommen bin, waren außergewöhnlich viele besoffene Menschen unterwegs. Angeblich wird hier im Sommer eine einzige riesige Open-Air-Party gefeiert (viele Clubs schließen in den Sommermonaten sogar, weil die Leute entweder auf ihren Datschen sind oder draußen feiern) und das waren wohl die ersten Vorläufer davon. Mich haben die heutigen Temperaturen kleidungstechnisch echt in Probleme gebracht. Ich bin es einfach nicht mehr gewohnt, mich nicht wintertauglich zu kleiden. Skeptisch habe ich heute erstmals eine dünne Strumpfhose angezogen und den Wintermantel zu Hause gelassen. Aber selbst meine Fleecejacke war noch zu warm, so dass ich letztendlich ohne Jacke rumgelaufen bin.
Trümmerfeld Spielplatz
 Das Abstruse an den jetzigen Temperaturen ist jedoch, dass die nicht-regulierbare Fernheizung noch immer auf Hochtouren arbeitet und man sich deshalb drinnen zu Tode schwitzt. Heute Nacht werde ich wohl mit offenem Fenster schlafen, wo bei mein Öko-Herz fürchterlich schmerzen wird.

Montag, 9. April 2012

Das Sammelfieber hat mich ergriffen

Die Russen haben neben Wodka, Mayonaise-Salaten und Süßigkeiten eine weitere Leidenschaft, die die drei vorhergegangenen in den Schatten stellt: Kühlschrank-Magneten.
Genau diese Teile, bei denen man sich in den Souvenir-Shops der Welt immer fragt, wer sie kauft. Jetzt weiß ich es: Die Russen. Anfangs dachte ich es wäre nur ein Tick einiger Weniger. Yury, zum Beispiel, ist ein Weltenbummler und an seinem Kühlschrank ist kaum noch ein freies Plätzchen. Mittlerweile musste ich allerdings feststellen, dass die Kühlschrank-Magnet-Sammel-Leidenschaft ein weit verbreitetes Phänomen in Russland ist. Egal in welche Wohnung man kommt, es prangen Magneten an den Kühlschränken. Keine nichtssagenden Smiley-Magneten, sondern Reisesouvenirs: Die Miniatur-Keramik-Weinflasche aus Sevilla neben dem kitschigen Sonnenungergangsbild aus Sotchi. Es scheint dabei keine große Rolle zu spielen, ob man selbst dort gewesen ist. Wann immer wir Freiwilligen irgendwohin verreisen, werden wir gebeten, Magneten mitzubringen. Auf meiner bisher einzigen großen Reise nach Suzdal habe ich noch traditionelles Honigbier aus der Region mitgebracht, aber ein Magnet hätte wahrscheinlich mehr Begeisterung ausgelöst.
Die Krönung der Magneten-Sammler-Gilde hat vor kurzem Martin mitgebracht. Er war für zwei Wochen bei Freunden in Dublin. In den letzten Tagen vor der Reise hat er Leuten nur noch erzählt, dass er verreist und nicht mehr wohin, weil bei den Worten "Irland" und "Dublin" alle zuerst immer einen sehnsüchtigen Seufzer ausgestossen haben und ihn dann gefragt haben, ob er ihnen nicht einen Magneten mitbringen könnte. Nach zwei Wochen ist er wiedergekommen mit zwei Guiness für Kevin und mich und ungefähr 30 Magneten, die er an alle interessenten verteilt hat.
Das dumme an Sammelgegenständen ist, dass sie mich leider nicht kalt lassen. Während ich mich also noch darüber lustig mache, überlege ich insgeheim schon, woher ich in den nächsten Monaten noch Magnete bekommen könnte. Die ersten Magnete, die ich selbst geschenkt bekommen habe, sind noch irgendwo in der Ecke gelandet. Doch irgendwann habe ich sie an den Kühlschrank gepinnt und seitdem ist in mir der Entschluss gereift, wenigstens die Kühfachklappe komplett mit Magneten zu bedecken.
Wenn ich also im Mai nach Hause komme gibt es also eine Sache, die ich neben Sommerkleidung und Lese-Nachschub wieder mit nach Russland nehme: Kühlschrank-Magneten aus Hamburg und Bremen!
Unsere Errungenschaften bis jetzt: Ganz oft Togliatti/Lada, drei mal Neujahr, aber auch Magneten mit gehobenem Wert (Archangelsker Oblast [der aus Holz, Mitbringsel von Zhenya], Varna, Dublin)
Morosilka heißt übrigens Tiefkühlfach und ist einer von vielen Lernzetteln in unserer Wohnung

Donnerstag, 5. April 2012

Warum Russland? Hattest du keine andere Wahl?!?

"May I ask you one question..." Wann immer jemand so an mich herantritt, weiß ich schon, was folgt. Es hat keinen Sinn, das Fragerecht abzuschlagen, weil das unvermeidliche ohnehin folgt: Die Frage, warum es mich ausgerechnet nach Russland verschlagen hat. Der Wortlaut ist leichten Variationen unterlegen ("Musstest du Russland wählen?", "Was interessiert dich gerade an Russland?", "Warum hast du Russland gewählt?"), aber der Sinn bleibt immer gleich. Von Zeit zu Zeit findet sich jemand, für den es anscheinend keine große Überraschung ist, dass man freiwillig längere Zeit in Russland verbringt. Sie stellen dann allerdings obengenannten Fragen und tauschen das Wort Russland gegen Togliatti aus.
Ich kenne diese Fragen. Aus Rumänien, aus Deutschland, ich habe mich sogar oft selbst dabei ertappt, wie ich sie Ausländern in Deutschland gestellt habe, obwohl ich mir geschworen habe es nie zu tun. Das Interesse daran, was eine Person bewegt, gerade in mein Heimatland zu ziehen, ist einfach zu groß, auch wenn ich weiß, dass die Antwort eine lange zurechtgelegte, oft erprobte, an früher erlebte Gegenreaktionen angepasste Phrase ist.
Wer die Frage nach der Landeswahl stellt, hat meistens ein Bild von seinem Land und dem Land des Gegenübers im Kopf und erwartet einen Antwort, die an dieses Bild angepasst ist. Da die Länderstereotypen in der Regel leicht voraussagbar sind und von Person zu Person kaum variieren, ist es sehr einfach, Standardantworten zu finden. Gründe die man für die Wahl Deutschlands angibt, sind: 1. "die Sprache, die so ungeheuer wichtig ist", 2. "die Kultur, die einen schon immer interessiert hat" und 3. "Deutschland ist eine so wichtige politische und wirtschaftliche Macht (nicht nur in Europa!), es wird mir weiterhelfen, dass ich längere Zeit in diesem Land gelebt zu haben". Kein Grund, "nette Menschen" oder "wunderschöne Natur" zu erwähnen. Das ist sowieso nicht das, was die Deutschen hören wollen.
In Rumänien war meine Standardantwort: "Ich studiere hier und Rumänien ist ein wunderschönes Land mit netten Leuten." Das hat die meisten Fragensteller befriedigt. Die Rumänen wissen, dass sie in einem der schönsten Länder Europas leben, und haben sonst keine besonders gute Meinung von ihrem Land.
Wer einmal selbst eine Standardantwort geformt hat, stellt auch fest, dass man eines vermeiden sollte: Das Land kritisieren. Selbst wenn jeder Taxifahrer auf die Standardantwort entgegnet, dass das Land vor die Hunde gehe und von korrupten, unfähigen Politikern regiert würde [ich lasse hier mal offen, ob ich Rumänien oder Deutschland meine...], das Recht auf Kritik ist ausschließlich den Bürgern des Landes selbst vorbehalten. Hält man sich nicht an dieses unausgesprochene Gesetz, ist mit einem Schwall von Patriotismus zu rechnen.
In Russland habe ich lange gebraucht, um meine Standardantwort zurechtzulegen. Und um ehrlich zu sein, ich feile immer noch daran.
Das einzige, auf das vorbehaltlos alle Russen stolz sind, sind die großen Russischen Literaten (Puschkin, Tolstoi, Dostojewski und zwar genau in dieser Reihenfolge). Allerdings klingt es für eine 25-jährige dann doch etwas weltfremd, wenn ich erzähle, dass mir erstmals beim Lesen von "Krieg und Frieden" der Gedanke gekommen ist, Russland näher kennen lernen zu wollen. Diese Antwortvariante fällt also weg, auch wenn ich festgestellt habe, dass mein Ansehen ungemein steigt, sobald man feststellt, dass ich diverse russische Klassiker gelesen habe.
Die Sache mit der Natur kommt auch nicht in Frage. Russlands Natur ist interessant. Sie erinnert mich manchmal ein bisschen an zu Hause mit den weiten Ebenen, den Birken und Kiefern. Am längsten Fluss Europas, am größten Stausee Europas zu leben ist unbeschreiblich. Aber "schön" ist Russlands Natur nicht. Zumindest nicht so schön wie Rumänien.
Ähnliches gilt für die Menschen. Es gibt das Vorurteil, Russen seien besonders gastfreundliche und herzliche Menschen. Die Russen selbst haben die gleiche Meinung von sich. Potenziell ist hier also ein gutes Feld für eine Standardantwort. Das Problem ist nur, dass ich in den ersten Monaten hier oft genau das Gegenteil erlebt habe und sich so bei mir eingebrannt hat, dass die Russen eines der abweisendsten und kältesten Völker der Welt sind. Klar, man wird als Gast überall freundlich empfangen und mit höchster Aufmerksamkeit und Ehre behandelt, aber all das ist eher eine ritualisierte, aufgesetzte Form der Gastfreundschaft. Auf der anderen Seite wurde mir im Alltagsleben (mit wenigen Ausnahmen) häufig mit Misstrauen und Distanz begegnet. Das essenzielle der Gastfreundschaft ist für mich, dass man offen auf Fremde zugeht und vor allem mit ihnen kommuniziert. In den meisten Ländern, in denen ich bis jetzt war, reagieren Menschen neugierig, wenn sie hören, dass jemand eine fremde Sprache spricht. In Rumänien scheut man keinerlei Kontaktaufnahme und selbst im kleinen Sandbostel, wo die Englischkenntnisse in ungefähr auf russischem Niveau sind, ist man neugierig und lässt nach ein paar Bier alle Hemmschwellen hinter sich. Die einzigen, die hier in Russland Neugier zeigen, sind Kinder. Mit dem Lebensalter steigt auch das Abwehrverhalten gegenüber Fremden. Angefangen bei der Schüchternheit der Jugendlichen und Studenten, über die Ignoranz der Mit-Dreißiger und -Vierziger bis hin zur offenen Unfreundlichkeit der Senioren (wobei die glaube ich selbst gegenüber ihren Landsleuten rücksichtslos sind). Anfangs habe ich dieses Verhalten für Rassismus gehalten. Mittlerweile würde ich sagen, dass es das Wort "Fremdenfeindlichkeit" wohl besser trifft, denn je mehr ich Russisch spreche und verstehe, desto mehr bekomme ich die Herzlichkeit zu spüren. Mittlerweile fällt es mir leichter etwas Positives über die russische Mentalität zu sagen, aber so ganz weggewischt sind die Eindrücke der ersten Monate noch nicht.
Bleibt als Material für eine Standardantwort also nur noch die Sprache. Und die ist tatsächlich einer der Hauptgründe aus denen ich mich für Russland entschieden habe. Egal wie viele Leute jetzt anfangen Chinesisch und Arabisch zu lernen, Russisch ist und bleibt einfach eine Weltsprache. Insgeheim denke ich manchmal daran, wie großartig es klingen würde, wenn ich irgendwann mal sagen kann könnte, dass ich Deutsch, Englisch, Französisch, Rumänisch und Russisch spreche, und beim Gedanken daran fühle ich mich jetzt schon polyglott :) Allerdings sträube ich mich etwas dagegen, gegenüber den Russen zuzugeben, dass ihre Sprache so wichtig ist, weil ich gleichzeitig laufend predige, dass sie unbedingt ihr Englisch verbessern müssen.